Toller Beitrag der Landesschau Rheinland-Pfalz zum Europäischen Dorferneuerungspreis

ARGE gratulierte im Rahmen eines Ehrenkolloquiums in München

Einer der „Gründerväter“ der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, der bayerische Geodät Holger Magel, feierte dieser Tage seinen 80. Geburtstag – und das im Rahmen eines festlichen Ehrenkolloquiums in München unter dem Titel „Das Land hat Zukunft. Hat das Land Zukunft?“, zu dem Magel ausgewählte Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter seines beruflichen Lebens geladen hatte. Ein Berufsleben, mit dem man locker zwei oder drei Leben füllen könnte, wie es eine der FestrednerInnen, die  bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber, formulierte.

Über Jahrzehnte war Holger Magel Vordenker vieler wichtiger Entwicklungen für den ländlichen Raum. Er hat nicht nur den Übergang der früher rein agrarisch orientierten Flurbereinigungsverwaltung hin zu einer umfassenden Landentwicklungsverwaltung in Bayern begleitet und gestaltet, er war unter anderem auch Initiator des 1981 auf den Weg gebrachten Bayerischen Dorferneuerungsprogrammes. Von Anfang an hat er dabei die Dorferneuerung nie nur als bauliches Konzept gedacht, sondern die Bürgerbeteiligung, die Dorfphilosophie und die Leitbildarbeit als elementare Bausteine angesehen und eingefordert. Dieser ganzheitliche Ansatz für eine dörfliche, kommunale und regionale Entwicklung ist es auch, der ihn mit Vordenkerinnen und Vordenkern anderer europäischer Regionen verband. Und so regte er vor 35 Jahren gemeinsam mit dem damaligen niederösterreichischen Landesrat Erwin Pröll sowie Dorferneuerungspionieren aus mehreren österreichischen und deutschen Ländern die Gründung einer Plattform zum grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch und Know how-Transfer an, womit  die Geburtsstunde der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung geschlagen hatte.

Magel, der unter anderem auch eine Professur an der TU München innehatte und zu dessen Forschungsspektrum Theorien, Methoden und Prozesse der zukunftsfähigen Dorferneuerung, der partizipativen Landschaftsplanung, Kommunalentwicklung und Landnutzungsplanung sowie vor allem im internationalen Kontext Theorien und Konzepte des nachhaltigen Land-Managements zählten, war bis vor kurzem auch Präsident und ist nun Ehrenpräsident der angesehenen Bayerischen Akademie Ländlicher Raum. Eine seiner besonders herausragenden Leistungen für die ländlichen Räume Europas ist die Entwicklung des Modells der „Räumlichen Gerechtigkeit“, das die Notwendigkeit zwar nicht gleichartiger, aber gleichwertiger Bedingungen für Stadt und Land postuliert.

Wir gratulieren Holger Magel auch an dieser Stelle noch einmal herzlich zum 80. Geburtstag und zu seiner Lebensleistung.

Eine große Fülle an bemerkenswerten Leitprojekten aus 21 europäischen Dörfern und Gemeinden wurden zum 18. Europäischen Dorferneuerungswettbewerb eingereicht. Eine gewaltige Herausforderung für die Wettbewerbsjury, die vom 20. bis 22. März 2024 im schweizerischen Lichtensteig zu ihrer ersten Bewertungssitzung zusammentraf. Erste Erkenntnisse sind gewonnen, manche Fragen haben sich gestellt und die Vorfreude auf die Vor-Ort-Besichtigung der Teilnehmerorte in kleinen Jurygruppen, die zwischen Ende April und Mitte Juni stattfinden werden, ist groß.

Auch wenn es noch einiges zu überprüfen, vergleichen und bewerten gibt und die Preisträger erst Anfang Juli des Jahres feststehen werden, so ist jetzt schon unübersehbar: Der Europäische Dorferneuerungspreis 2024 ist eine reiche Fundgrube für innovative, inspirierende und nachahmenswerte Projekte, die Lust auf eine Zukunft in ländlichen Gemeinschaften machen.    

Der Wettbewerb um den 18. Europäischen Dorferneuerungspreis ist geleitet von der Intention, besonders herausragende und beispielhafte Entwicklungs- und Erneuerungs­prozesse in ländlichen Gemeinwesen „vor den Vorhang“ zu bitten und anhand ausge­wählter Leitprojekte zu prämieren. Dabei finden die jeweiligen Ausgangsbedingungen, der ökonomische und sozio-kulturelle Kontext sowie länderspezifische Standards und Besonderheiten Berücksichtigung.

Vorrangiges Kriterium ist, dass die Projekte und Prozesse gemäß dem „Leitbild der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung für eine nachhaltige Entwicklung europäischer Dörfer und Landgemeinden“ zu einer Stärkung der Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume und zu einer Hebung der Lebensqualität bei­tragen.

Der Wettbewerb forciert daher jene ländlichen Gemeinwesen,

  • die sich den aktuellen Herausforderungen ihres Lebensraumes mit nachhaltigen, innovativen und zeitgemäßen Projekten stellen und ganzheitliche Entwicklungsprozesse in Gang gebracht haben;
     
  • die eine Einbindung aller Bevölkerungsgruppen in das örtliche Geschehen verfolgen und auf diese Weise unterschiedliche Perspektiven, weitere Horizonte und vielfältigere Ideen gewinnen;
  • die sich des Wertes und der Notwendigkeit von Kooperationen bewusst sind und demgemäß auf Netzwerke sowie interkommunale und regionale Zusammenschlüsse setzen.

Das Motto „Lust auf Zukunft“ trägt der Tatsache Rechnung, dass die großen Zäsuren der letzten Jahre und die gewaltigen Herausforderungen, mit denen sich die Menschen konfrontiert sehen, tiefe Spuren hinterlassen haben. Vielerorts sind Pessimismus, gesellschaftliches Gegeneinander und lähmende Ängste die Folgen. Das Motto „Lust auf Zukunft“ will daher ein Signal dafür sein, neben den Gefahren auch die Chancen zu erkennen und zu nutzen, die einem zukunftsmutigen und leidenschaftlichen Gestalten des eigenen Lebensraumes innewohnen. 

17. Europäischer Dorferneuerungspreis im Hofheimer Land in Bayern verliehen

Die burgenländische Gemeinde Stadtschlaining gewinnt den 17. Europäischen Dorferneuerungspreis, der von der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung 2022 unter dem Motto „Brücken bauen“ ausgelobt und durchgeführt wurde. Rund 600 Menschen aus ganz Europa – unter ihnen zahlreiche ranghohe PolitikerInnen sowie VertreterInnen aus Gesellschaft und Wirtschaft der verschiedenen Länder – wohnten der stimmungsvollen Preisverleihung im unterfränkischen Hofheim, Teil der gleichnamigen Gemeinde-Allianz Hofheimer Land, die den vorigen Wettbewerb für sich entscheiden konnte, bei. Der Festakt mit der Übergabe der Preise an 21 Teilnehmer aus ebenso vielen Regionen und zwölf Staaten war in einen dreitägigen Event eingebettet, bei dem sich sowohl die Gastgeber als auch die Teilnehmer präsentierten, im Rahmen von Fachvorträgen und Exkursionen jede Menge Informationen, Know-how und Erfahrungen geteilt und auf vielfache Weise regions- und grenzüberschreitende Kontakte aufgebaut und Netzwerke geknüpft wurden.

Das Motto des 17. Europäischen Dorferneuerungspreises „Brücken bauen“ trug der Tatsache Rechnung, dass der Umgang mit den großen Herausforderungen unserer Zeit, seien es Klimawandel, Ressourcenknappheit oder digitale Transformation, um nur wenige Beispiele zu nennen, enormes Konfliktpotenzial besitzt und Gemeinschaften zu spalten droht. „Brücken zu bauen wird in dieser Zeit, in der die Gräben in der Gesellschaft wie auch in der Politik immer weiter auseinanderklaffen, stets wichtiger“, erklärte Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner in ihrer Funktion als Vorsitzende der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung mittels Videobotschaft im Rahmen des Festaktes.

Der sächsische Staatsminister für Regionalentwicklung Thomas Schmidt, der auch als stv. Vorsitzender die ARGE vor Ort repräsentierte, zeigte sich im Rahmen eines Talks davon überzeugt, dass die ländlichen Räume gerade im Wechselspiel mit den Städten die Zukunftsräume schlechthin darstellen. Es sei vorrangige Aufgabe der Politik, zukunftsfähige Entwicklung zu ermöglichen – nicht durch Verordnungen von oben, sondern durch möglichst flexible und unbürokratische Unterstützung, die finanzielle Zuwendungen genauso umfasse wie das Zurverfügungstellen von fachlicher Expertise. Auch der Präsident der gastgebenden Gemeinde-Allianz Wolfgang Borst sprach insbesondere die Chancen für die ländlichen Gemeinden an, die durch die Digitalisierung, aber etwa auch durch die Energiewende, für Dörfer und kleine Städte entstünden. Selbstläufer sei eine prosperierende Entwicklung dennoch nicht, sondern bedürfe einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen des eigenen Raumes und darauf aufbauend mit kontinuierlicher Arbeit zur Umsetzung von Zukunftsvisionen. Die Vorsitzende der Wettbewerbsjury Nadja Häupl, Städtebau-Professorin an der Uni Anhalt in Dessau, betonte darüber hinaus auch die Notwendigkeit bürgerschaftlichen Engagements bei der Entwicklung des eigenen Lebensraumes, das bis dahin reichen könne, dass Einwohnende finanzielle Risiken persönlich mittragen, wie dies in mehreren Teilnehmerorten des Europäischen Dorferneuerungspreises 2022 der Fall sei.

Dank beeindruckender und berührender Präsentationen mit Fotos über Land, Leute und Projekte in den Wettbewerbsgemeinden sowie mehrerer künstlerischer Darbietungen wurde der Festakt, der auch in vielen Dörfern und Gemeinden von unzähligen Daheimgebliebenen via Livestream verfolgt wurde, nicht nur als eine informative, sondern auch als eine sehr stimmungsvolle Leistungsschau der „Champions League“ der europäischen Dorf- und Gemeindeentwicklung. Ergänzend zu den zahlreichen Programmpunkten, die Information und Weiterbildung boten, gab es an den drei Tagen auch ein buntes kulturelles und kulinarisches Programm, das von Gastgebern und Gästen gemeinsam gestaltet wurde. Und auf diese Weise wurde die kleine fränkische Stadt Hofheim zum Schauplatz für ein grandioses Fest der Begegnung, bei dem Europa nicht als abstraktes Gebilde, sondern als vielfältige, pulsierende Gemeinschaft erlebt wurde.

Sieger Stadtschlaining überzeugt auf allen Ebenen

Die siegreiche Gemeinde Stadtschlaining konnte dank eines konsequent umgesetzten, umfassenden Erneuerungsprozesses, der sich in einer Vielzahl großer und kleinerer Projekte von höchster Qualität manifestiert hat, den massiven Strukturwandel, der durch die Schließung des prägenden Bergbaues schlagend wurde, konstruktiv gestalten und dadurch neue Perspektiven schaffen. Alleinstellungs­merkmal und herausragende Charakteristik ist der Umgang mit dem Thema des friedlichen und wertschätzenden Miteinanders, das sich – inspiriert durch das als „Friedensburg“ international bekannte Seminar- und Studienzentrum – wie ein roter Faden durchzieht und die Schaffung von sozialen und soziokulturellen Einrichtungen genauso prägt wie die Auseinandersetzung mit Wohnraum sowie die zahlreichen Projekte in den Bereichen Wirtschaft, Landwirtschaft, Tourismus, Kunst und Kultur, Vergangenheitsbewältigung, Mobilität und Ressourcenschonung. Im Zentrum aller Projekte und Maßnahmen steht stets der Versuch, möglichst allen Einwohnenden, unabhängig von ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und ihren Ansichten, gerecht zu werden und ihnen eine gemeinsame Zukunft in einem lebenswerten Umfeld zu ermöglichen – eine Vision, die Stadtrat Werner Glösl sowie der Intendant des Festivals KLANGfrühling Stadtschlaining, Gerhard Krammer, im Rahmen der Preisverleihung beeindruckend untermauerten.

Enorm hohe Qualität aller Teilnehmer

Einig waren sich sowohl die Mitglieder der internationalen und interdisziplinären Wettbewerbsjury als auch ARGE-Geschäftsführerin Theres Friewald-Hofbauer darüber, dass die Qualität der Projekte und Entwicklungsprozesse in sämtlichen Teilnehmerorten so hoch war wie noch nie. „So manches Gemeinwesen, das sich heute über Silber oder Bronze freuen darf, wäre noch vor wenigen Jahren im Kreise der Sieganwärter zu finden gewesen. Wir haben es fast nur noch mit Superlativen zu tun“, freuten sich die Beteiligten über diesen insgesamt sehr positiven Trend in der ländlichen Entwicklung.

©Adrian Price Photography

Für alle, die die Preisverleihung zum Europäischen Dorferneuerungspreis 2022 am 12. Mai 2023 im Hofheimer Land, Bayern, (noch einmal) sehen möchten:  https://youtube.com/@argelandentwicklung3000