22. bis 25. Mai 2007

6. Europäischen Dorferneuerungskongress „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“ in Kamíen Slaski, Polen

Eine Replik von Theres Friewald-Hofbauer

Vier Tage lang avancierte das idyllische schlesische Dorf Kamien Slaski, Preisträgerin im Wettbewerb um den Europäischen Dorferneuerungspreis 2000,  als Gastgeberin des 6. Europäischen Dorferneuerungskongresses zum „Mekka“ der europäischen und insbesondere der polnischen Dorferneuerungsszene.

Charles Konnen, stellvertretender Vorsitzender der Europäischen ARGE  Landentwicklung und Dorferneuerung, Geschäftsführerin Theres Friewald-Hofbauer und Vize-Marschall Ryszard Wilczynski, Opole, informieren die Medienvertreter über die wesentlichen Inhalte des 6. Europäischen Dorferneuerungskongresses

250 TeilnehmerInnen am europäischen Teil und 900 TeilnehmerInnen am polnischen Tag stimmten angesichts der Referate, Diskussionen, Exkursionen und Ausstellungen darin überein, dass das Motto des Kongresses „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“ nicht treffender hätte sein können. Die Vielfalt an naturräümlichen, kulturellen, historischen, strukturellen und ökonomischen Bedingungen und Prägungen ist enorm, auch innerhalb von Ländern, oft auch von Regionen, und beileibe kein reines West-Ost-Phänomen. So gesehen kann es kein Patentrezept für eine erfolgreiche Entwicklung der so unterschiedlichen ländlichen Räume geben, muss Dorferneuerung etwas sehr Spezielles, ganz im Sinne von „Jedem Dorf seinen Maßanzug“, sein.

Und doch gibt es Allgemeingültiges, an dem weder da noch dort ein Weg vorbei führt, das auch mehrfach angesprochen wurde. Etwa das endogene Potenzial, die Besonderheiten, die es zu erkennen, schätzen zu lernen und zu nutzen gilt. Und, dass Dorferneuerung häufig einer Gratwanderung, nicht selten zwischen (scheinbaren) Gegensatzpaaren, gleichkommt. Zwischen kreativer Spontanität und visionärer Planung, zwischen Tradition und Innovation, zwischen Form und Funktion, zwischen dörflicher Eigenständigkeit und regionalen Allianzen, um nur einige zu nennen.

Herausforderungen von heute als Chancen von morgen

Wesentliche Leitlinien jedes Entwicklungsprozesses, so das unisono Credo, müssen Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit sein, also ökologische, ökonomische, kulturelle und soziale Maßnahmen. Nicht nebeneinander, nicht nacheinander, sondern aufeinander abgestimmt und miteinander verwoben. Menschen bleiben oder kommen nur, wenn sie Arbeit, wenn sie ihr finanzielles Auskommen finden, gleichzeitig aber auch auf einen ländlichen Raum stoßen, der seine ursprünglichen Qualitäten ausspielen kann, Qualitäten, die allem voran Naturnähe sowie soziokulturelle und soziale Kompetenz heißen.

Im ökologischen Bereich wird deutlich, dass die Herausforderungen von heute sich als die Chancen von morgen erweisen könnten. Auf die brennende Frage der  Energieversorgung der Zukunft hat das Land mit nachwachsenden Rohstoffen die richtige Antwort parat. Und im sozialen Sektor könnte der demografische Wandel den Dörfern sogar in die Hand spielen, wenn es ihnen gelingt, sich als Lebensraum zu präsentieren, der prädestiniert dafür ist, die Bedürfnisse älterer Menschen zu befriedigen. Sie sind neben Familien mit Kindern genau jene Bevölkerungsgruppe, die die Vorteile des Landlebens  besonders zu würdigen wissen könnte. Voraussetzung dafür ist freilich, dass geänderte Realitäten akzeptiert werden, dass zeitgemäße Strukturen geschaffen werden, die Frauenbeschäftigung ermöglichen und Kinder- sowie Seniorenbetreuung gewährleisten, was neue Berufsfelder und Einkommensquellen induziert.

Noch eine wichtige Erkenntnis: Das Dorf darf nicht zum Lebensraum der Zukurzgekommenen werden, soll attraktiv auch für Neubürger sein, verträgt Zugezogene und auch ein gewisses Maß an Heterogenität.

Zukunftsgewinn ist möglich

„Top down“ und „Bottom up“ sind bei der Dorferneuerung keine Alternativen. Sie braucht beides, politische Rahmenbedingungen und Bürgerpartizipation. Eine Beteiligung, die freilich auch zugelassen werden muss, idealerweise in kreativen Milieus. Eine Beteiligung, zu  der die BürgerInnen aber auch befähigt sein müssen, was Investitionen in deren Bildung voraussetzt. Eine Geldanlage, die jedenfalls reiche Zinsen trägt, Zinsen die dringend benötigt werden, denn, um es mit Worten des Vorsitzenden der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, Erwin Pröll, auszudrücken: Die Zukunft ist kein Geschenk! Insbesondere nicht für die ländlichen Räume angesichts von Globalisierung, Europäischer Einigung und noch längst nicht abgeschlossener Transformationsprozesse im Osten.

Aber: Der Zukunftsgewinn bleibt eine reale Option mit Aussicht auf Erfolg, wenn es gelingt,

  • immer wieder geographische, räumliche, mentale und ideologische Grenzen zu überschreiten ,
  • flexibel genug für eine Erneuerung der Erneuerung zu sein,
  • Synergien zwischen Stadt und Land zu nutzen,
  • den Blick über den Zaun zu wagen, Erfahrungen auszutauschen, Netzwerke zu knüpfen und
  • den Mut zum Träumen mit der Kraft zum Handeln zu paaren.

22. bis 25. Mai 2007

6. Europäischer Dorferneuerungskongress „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“ in Kamíen Slaski, Polen

Statement von Charles Konnen, Luxemburg, Stellvertretender Vorsitzender der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung

Dorferneuerung ist keine Erfindung unserer Zeit. Schon vor dem 2. Weltkrieg gab es in Tschechien in Reaktion auf die fortschreitende Industrialisierung und damit einhergehende wirtschaftliche, soziokulturelle und optische Veränderungen der Dörfer ein so genanntes Dorfrevisionsprogramm. Von Dorferneuerung die Rede war dann erstmals in den späten 50er Jahren im süddeutschen Raum, von wo sie sich sehr rasch auf immer mehr europäische Länder und Regionen ausbreitete und vielfach auch als Ortserneuerung oder Dorfentwicklung bezeichnet wurde.

Eine wesentliche Zäsur in der Geschichte der Dorferneuerungsbewegung stellte zweifellos der 1. Europäische Dorferneuerungskongress im Jahr 1987 in Niederösterreich dar. Der dabei ermöglichte Blick über den Zaun, das Kennenlernen neuer Projekte und Strukturen, wurde als besonders wertvoll empfunden und sollte, so der Wunsch zahlreicher Teilnehmer, zu einer ständigen Einrichtung werden. Damit war die Idee zur Gründung der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung  geboren, die ein Jahr später beschlossen und 1989 vollzogen wurde.

Im Laufe ihrer nunmehr 18-jährigen Geschichte hat sich die Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung von einem kleinen, losen Bündnis zu  einem immer komplexeren, zunehmend mehr europäische Regionen umfassenden Netzwerk entwickelt, das seit einigen Monaten auch den Status einer eigenen Rechtspersönlichkeit inne hat. Ihre vorrangigen Anliegen sind,

  • die Know-how-Bildung im Bereich einer nachhaltigen dörflichen und regionalen Entwicklung sowie den Know-how-Transfer und den Erfahrungsaustausch zwischen Staaten, Ländern, Regionen, Gemeinden und Dörfern zu fördern,
  • das Selbstwertgefühl, die Motivation und das Engagement der LandbewohnerInnen zu heben und
  • die Wahrnehmung der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des ländlichen Raumes und der Anliegen seiner BewohnerInnen durch Öffentlichkeit,  Medien und Politik zu forcieren.

Die Grundintention der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, nämlich die Stärkung der ländlichen Räume in Europa als zukunftsfähige Wirtschafts- Erholungs- und Lebensräume, entspricht exakt jener, die Dorferneuerungsbewegungen in Europa seit jeher verfolgen. Dass die Mittel und Wege zu diesem Ziel sich oft von Ort zu Ort und erst recht im Laufe der Jahre sehr unterschiedlich präsentieren, liegt auf der Hand. Denn Europa ist reich an Vielfalt – und das in jeder Hinsicht: vielfältig an Kulturen, Werthorizonten sowie an naturräumlichen, aber auch sozioökonomischen Gegebenheiten. Dazu kommen gewandelte und sich permanent verändernde politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Aktion und Reaktion, oft auch eine Erneuerung der Erneuerung und immer wieder Grenzüberschreitungen im weitesten Sinn verlangen und bewirken.

Die von der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung im 2-Jahres-Rhythmus durchgeführten Wettbewerbe um den Europäischen Dorferneuerungspreis  liefern uns den Beweis, dass es der Dorferneuerung gelingt, diesem Anspruch gerecht zu werden. Sie ist vielerorts von einer Ortsbildaktion zu einem ganzheitlichen, nachhaltigen und innovativen Prozess gereift, bei dem die Betroffenen, also die BewohnerInnen des ländlichen Raumes, die Hauptrolle spielen. Dabei werden häufig die Dorfgrenzen überschritten und kommunale, zunehmend auch regionale Kooperationen eingegangen, die dabei helfen, Synergieeffekte zu nutzen und Projekte in Angriff zu nehmen, die den üblichen thematischen und finanziellen Rahmen eines einzelnen Dorfes zu sprengen vermögen.

Auch wenn vieles bereits gelungen scheint, wenn da und dort die Dorferneuerung dafür gesorgt hat, dass sich die wirtschaftliche Situation und die Lebensbedingungen spürbar verbessert haben, wenn der ländliche Raum einen neuen, höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit erlangt hat, so steht doch auch außer Zweifel, dass die Probleme der letzen Jahrzehnte wie wirtschaftliche Aushöhlung, Abwanderung und Verstädterung längst nicht überwunden sind, dass ländliche Räume nicht gerade auf der Gewinnerseite der Globalisierungswelle stehen, dass die Geldmittel seitens der Europäischen Union  nicht für alle Ewigkeit gesichert sind und dass die Zukunftsfähigkeit unserer Dörfer stets auf Neue hart erkämpft und erarbeitet werden muss.

Das heißt, wir müssen in Zukunft noch mehr als in der Vergangenheit in der Lage sein, Scheuklappen abzulegen und gewandelte Realitäten zu akzeptieren, Fehlentwicklungen und Gefahrenpotenziale zu erkennen und ihnen mit geeigneten Mitteln zu begegnen sowie Chancen und Entwicklungsoptionen aufzuspüren und sie mit ganzer Kraft zu nutzen. Konkret bedeutet das:

  • Stärkung einer umweltgerechten Land- und Forstwirtschaft unter Berücksichtigung der Kulturlandschaft
  • Erhaltung und Aufbau standortgemäßer Erwerbsmöglichkeiten, auch mit Blick auf regionale Wertschöpfungsketten
  • Verantwortungsvoller Umgang mit den Ressourcen und Nutzung erneuerbarer Rohstoffe
  • Symbiose von schützenswerter alter und qualitätvoller neuer Bausubstanz sowie Ressourcen sparende und verkehrsvermeidende Siedlungsentwicklung
  • Stärkung der Identität und des Selbstbewusstseins der DorfbewohnerInnen
  • Schaffung zeitgemäßer sozialer Einrichtungen und soziokultureller Qualitäten
  • Förderung der Teilhabe aller Generationen, Nationalitäten und Minderheiten sowie beider Geschlechter am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben

Ebenso wichtig wie die Inhalte sind dabei die Methoden und Strategien, die es zu verfolgen gilt. So ist Wert auf vernetzte, sektorübergreifende Projekte zu legen, die dem Anspruch auf eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung gerecht werden, die von Eigeninitiative, Bürgerengagement, der Bereitschaft zur Zusammenarbeit sowie von Konsequenz, zugleich aber auch von Flexibilität und Lernfähigkeit geprägt sind und die sich auch Expertenmeinungen nicht verschließen.

Ans Ziel kann nur eine eigenständige, auf den vorhandenen Potenzialen aufbauende Entwicklung führen. Aber um neue Ideen, Impulse und Motivation zu gewinnen, bedarf es eines ständigen Erfahrungsaustausches mit anderen, mit den Menschen aus den  Nachbardörfern ebenso wie mit jenen aus nahen und fernen europäischen Regionen, mit denen man auch dann und wann gemeinsam als „Chor“ auftritt, um lauter zu sein, um sich Gehör in Warschau und in Brüssel zu verschaffen. Dazu kann und will dieser Kongress im Besonderen und die Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung im Allgemeinen wesentlich beitragen.

22. bis 25. Mai 2007

6. Europäischer Dorferneuerungskongress „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“ in Kamíen Slaski, Polen

Vortrag von Univ. Prof. Wolfgang Müller-Funk in Stichworten

  1. Spatiale Wende (spatial turn“)  in den Kultur- und Sozialwissenschaften: >reale<, symbolische, imaginäre Räume im soziokulturellen Kontext.
  2. Raum als dynamische Größe ( Produktion, Gestaltung, Konstruktion)
  3. Die Ausdifferenzierung bestimmter Raumebenen – die Bedeutung des realen Territoriums nimmt ab, die Bedeutung der sozialen und kulturellen Funktion nimmt zu. Soziale und kulturelle Räume sind nicht determiniert durch die sog. natürlichen Voraussetzungen.
  4. „Globalisierung“ als Theorie vom Raumwandel: –    Veränderung der symbolischen Räume (Verringerung der Differenz: Homogenisierung und Heterogenisierung in Lebensstil, Ökonomie durch             Kommunikationsmedien) –    Veränderung der >realen< Abstände durch Transport- und Verkehrsmedien –    Veränderung des Verhältnisses von Stadt und Land, von Zentrum und Peripherie –    Zusammenwachsen, Interdependenzen –    Räume in Bewegung: Permanenz der Völkerwanderung (Arbeitsmigration, temporär oder permanent, touristische Migration, temporär oder permanent): Dominanz der Arbeitsmigration von den Peripherien in die post-urbanen Zentren, touristische Wanderbewegungen von der Städten aufs „Land“)
  5. Problematik der Kategorie „ländlicher Raum“: –    basiert noch immer auf der Gegenüberstellung der traditionellen Stadt und des traditionellen Landes. Beide haben sich verändert. –    Periphere Räume sind nach der schrittweisen Durchsetzung marktkapitalistischer Ökonomie in westlichen Gesellschaften nicht länger durch Agrarproduktion     oder gar durch Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung) gekennzeichnet. –    Gemischte Ökonomie in peripheren, post-agrarischen Räumen. –    Selbst und Fremdbild bleiben jedoch nach wie vor von diesen früheren Nutzungsweisen und den ihnen entsprechenden Sozial- und Symbolordnungen geprägt (z. B. positive oder kritische Nostalgisierung von „Heimat“ im österreichischen Film und in der Literatur).
  6. Der periphere Raum in Europa, aber auch anderswo ist nicht einheitlich. Beispiele: –    metropolennaher Raum (Umland von Wien) –    dünn besiedelter Raum. (Waldviertel, Weinviertel, Mostviertel, Sudmähren, Südsteiermark, Masuren, Peloponnes) –    strukturierter Raum mit mittleren urbanen Fokussierungen. (Oberösterreich) –     regionale touristische Räume.(Tirol) –    post-industrielle regionale Räume ( Teile der Steiermark, Mittelengland, Schlesien)
  7. Ein düsteres Szenario des regionalen Raumes: der einstmalig ländliche Raum als Verlierer der Moderne und Hypermoderne (Globalisierung): –    Abwanderung (Sonderfall. Vertreibung) als sozio-kultutrelle Auszehrung –    Mangel an Infrastruktur –    Überalterung –    Dominanz vormoderner überkommener Strukturen –    Ausgrenzung junger Menschen und Frauen –    Verschwinden der  ländlichen Identitätskonzepte, die durch keine neue ersetzt werden (ländliche Raum nähert sich – symbolisch- den              randständigen Bezirken     urbaner Milieus an).
  8. Ein heiteres Szenario  würde einerseits auf die erfolgreichen Regionen Bezug nehmen und andererseits die Mängel der hypermodernen marktkapitalistischen Ökonomie samt ihrer kulturellen Lebensstile hervorheben: Moderne Gesellschaften brauchen periphere, naturnahe Räume (Kompensationsthese): –    Sozial überschaubarer und >greifbarer<  Raum (Solidarität,  Zusammenleben, Gestaltungsmöglichkeiten des einzelnen)
    –    naturnaher Raum (Erholung, spezifische Erfahrungsmodi)
    –    höhere Lebensqualität, geringere Fremdbestimmung  im Hinblick auf Zeit, Raum und Lebensstil.
    –    relativ preiswerter Lebensraum.
    –    markierter Raum mit oftmals historischen Architekturelementen (kein „Nicht-„Ort“, kein passagerer Raum).
    –    Funktion verhältnismäßig leerer Räume für Kultur.
  9. These von der Deterritorialisierung und Dezentrierung: Gefahren und Chancen.
    –    Verstärkung der negativen Tendenzen im Sinne von (7)
    –    Verstärkung der positiven Möglichkeiten im Sinne von (8)

Noch einmal die drei  zentralen Prämissen des „spatial turn“ (vgl. 2 und 3).
1.    Raum ist eine von Menschen geschaffene und produzierte soziokulturelle Entität
2.    Der natürliche Raum determiniert nicht den sozio-ökonomischen Raum.
3.    Bestimme Raumaspekte sind unter den Bedingungen moderner kapitalistischer Gesellschaften nicht deckungsgleich.

Daraus ergibt sich eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Eine Auswahl:

–    Vernetzung mit anderen Räumen im Rahmen einer globalisierten Ökonomie
–    Nutzung moderner digitaler Medien (Verringerung räumlicher Abstände, und zwar real wie symbolisch)
–    Nischenprodukte und – dienstleistungen, die anderswo nicht bzw. nicht zum entsprechenden Preis angeboten werden können.
–    Ökologisierung der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion.
–    Verlagerung von Produktionsformen, die nicht unbedingt in urbanen Zentren angesiedelt sein müssen.
–    Nutzung von Grenzen für Grenznahe Räume  als Schwellenräume mit Brückenfunktion (im Kontext der europäischen Integration)
–    Nutzung bestimmter Segmente des Tourismus (Kultur, Gesundheit, Sport etc.)

Ob die Möglichkeiten genutzt werden, hängt also nicht von den sog. natürlichen Gegebenheiten, sondern davon ab, wer diese regionalen Räume nutzt, gestaltet     und kulturelle ausgestaltet.  Solche kulturellen Faktoren sind beispielsweise:

–    Überwindung traditioneller konservativer, rückwärtsgewandter und gegenweltlicher Leitbilder („Heimat“)
–    Zuzug von Menschen aus anderen Bereichen (Nachbarländer, städtischer Raum und Umraum). Beispiel:  österreichisches Umland von Bratislava. (Heterogenisierung des ländlichen Raumes)
–    Integration ortsfremder Bevölkerung seitens der traditionellen Bevölkerung
–    Ausbau bestimmter Infrastrukturen (Politik): Verkehr, Information, Bildung
–    Nutzung der Ressourcen, über die temporäre Bewohner potentiell verfügen.(kultureller Transfer: Touristen, Aussteiger, Zweitwohnsitzer, Pensionisten).
–    Entwicklung von zeitgemäßen kulturellen Ausdrucksformen.
–    Selbstbewusste Kommunikation mit urbanen Zentren und deren Kultur.
BewohnerIn einer hochgradig strukturierten und differenzierten globalen Welt sein.

Wolfgang Müller-Funk (im Bild von links nach rechts mit Maria Forstner, Landesobfrau der Niederösterreichischen Dorf- und Stadterneuerung, Theres Friewald-Hofbauer, Geschäftsführerin der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, und Mariola Szachowicz, Marschallamt Opole) nach seinem beeindruckenden Vortrag, der für etliche Diskussionen sorgte.

22. bis 25. Mai 2007

6. Europäischer Dorferneuerungskongress „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“

Statement von Marschall Ryszard Wilczynski, Opole, Polen

Auf das polnische Dorf haben besonderen Einfluss:

  • europäische Integration,
  • Globalisierung,
  • Angleichung (in allen Bereichen) – Verlust an Verschiedenheit, Popularisierung der städtischen Muster und der Geschmacklosigkeit,
  • chaotische Entwicklung der Orte und Vororte, ungeeignete und falsche Raumplanung,
  • Wirtschaftsflucht -hauptsächlich junger Menschen,
  • Industrialisierung der Landwirtschaft, Verlust dörflicher Strukturen,
  • Dominanz durch dir politische Gemeindeebene, Verlust der Selbstbestimmung und verwaltung, Identitätsverlust,
  • Schwächung der bürgerlichen Gesellschaft, das Verlorengehen des dörflichen Lebens in historischer Bedeutung,
  • fehlende staatliche Steuerungsmechanismen zur Dorfentwicklungspolitik und fehlende Instrumente zur Ergänzung der verschiedenen Teilbereichsprogramme,
  • mangelndes Interesse der Selbstverwaltung der Woiwodschaft an der Erhaltung und Förderung ländlicher Bereiche und die Vernachlässigung regionalbezogener Politik.

Der Eintritt in die EU hat die Auflösung landwirtschaftlich genutzter Flächen beschleunigt (in der Woiwodschaft Oppeln geht der Prozess zu Ende). Durch die Aufgabe der Landwirtschaft stellen sich in Polen für die Bevölkerung im Vergleich zum Westen die Lebensbedingungen schlechter dar (diese Veränderungen verzogen sich in West-Europa vor etwa 30 Jahren). Das Potential der polnischen Dörfer ist geringer, die Infrastruktur ist unvollkommener und ist weniger effektiv, die bereitstehenden Mittel zur Entwicklung und Revitalisierung sind unvergleichbar kleiner, und die Herausforderungen unvergleichbar größer.

Das polnisch Dorf der Zukunft wird von Landflucht gekennzeichnet, verursacht durch den Wegzug insbesondere junger Menschen auf der Suche nach Arbeit und verbesserten Lebensbedingungen in die größere Städte und nach Westeuropa. Dieser Prozess ist, da der Anreiz Fähigkeiten herauszufordern und sein Können unter Beweis zu stellen, nicht aufzuhalten ist. Unter diesen Voraussetzungen wird sich das polnische Dorf nicht entwickeln können oder gar aufgegeben werden.

Wird das Dorf überleben können? Die Antwort ist ja, unter der Voraussetzung, dass man dem derzeitigen Prozess gesteuert und die Bedingungen zur Rückkehr fördert. Das Dorf kann ein Ort sein, in dem sich die Menschen, die durch das jahrelange Pendler Dasein erschöpft haben, durch strukturelle Veränderungen adäquate Lebensbedingungen schaffen können. Durch die weltweite Vernetzung durch das Internet wäre das Dorf der ideale Lebensraum für Freiberufler, beispielsweise Architekten, Designer, Finanzberater. Die Dörfer bieten die Möglichkeit Zivilisationsmüden, alternative Lebensformen Bevorzugenden, sowie demjenigen, die ihren Lebensabend in vertrauter Umgebung verbringen möchten, ideale Lebensbedingungen. Eine verlässliche Schätzung der Einwohnerzahl und Zahl der Berufstätigen lässt sich auf Grund von Landflucht und temporärer Fluktuation nicht ermitteln. Durch die og. Entwicklungen werden die Einwohner gezwungen neue Organisationsformen zu entwickeln. Das Dorfgemeinschaftshaus in seiner ursprünglichen Bedeutung wird ersetzt durch ein multifunktionales Aktionszentrum und Schulen auf computergestützten Unterricht ausgerichtet.

Wodurch lässt sich ein positives Szenario schaffen? Wodurch kann sich das Dorf gegenüber der Stadt profilieren?
Ich sehe keine grundlegende Veränderung der Infrastruktur als erforderlich an, sondern vielen reicht ein Minimum an Standards aus. In den nächsten Jahren stehen keine Mittel zur Verfügung um die Standards der Dörfer dem westlichen Niveau anzugleichen, in diesem Wettbewerb steht das polnische Dorf auf verlorenem Posten. Auch der Arbeitsmarkt kann dieses Problem nicht relativieren, da die Bedingungen hier zunehmend schwieriger werden. Eine Chance im Wettbewerb zwischen Stadt und Dorf besteht für Letzteres nicht in den materiellen Faktoren, sondern in dem Gemeinschaftsgefühl und der Identifikation.

Dazu 3 Faktoren:

  • Gemeinschaftsgefühl,
  • Verbundenheit mit der natur und dem kulturellen Erbe,
  • Heimatverbundenheit.
Die Gestaltung eines individuellen Umfeldes ist in der Stadt schwieriger zu erreichen. Durch die beiden erstgenannten Faktoren erhöht der Dorfbewohner die Möglichkeit einen Bezug zu gewachsenen Strukturen herzustellen wie: Naturverbundenheit und sozio-kulturelle Identität. Der reiz der Sache liegt in der Einfachheit, damit können ungenutzte Potentiale freigesetzt werden. Diese Potentiale kämen der Entwicklung zu einem lebendigen Dorf zugute, entsprechend des Konzepts eines thematisierten oder eines kooperativen Dorfes wie von mir in einem Artikel „10 Jahre Dorferneuerung – der Weg zum Ziel“ dargestellt wurde. Die Zukunft des Dorfes ist nur zu sichern durch Wahrung zwischenmenschlicher Kontakte. Grundlage für den Erhalt dörflicher Gemeinschaft ist der mentale Aspekt.

Zum Schluss meiner Ausführungen lassen Sie mich noch ein Wort bezüglich Dorferneuerung in der gegenwärtigen Situation anmerken. Es gibt keine Zweifel, dass im Zuge der Globalisierung nach derzeitigen Erkenntnisstand die Attraktivität und Bedeutung des Dorfes und des ländlichen Raumes allgemein Zustimmung findet, aber es gibt auch keine Zweifel, dass die technische Entwicklung und die gesellschaftlichen Veränderungen auch zukünftig außerhalb des ländlichen Raumes stattfinden. Folgender Schluss ist zu ziehen -Stadt und Dorf müssen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern im Rahmen der Globalisierung gleichberechtigt Dorf-Stadt-Welt. Das Dorf mit seinen unverzichtbaren Reservoire an Werten und Gütern kann als Rückzugsort angesehen werden. Das Dorf der Zukunft wird also ein Dorf der Ergänzung. Das Finden und Nutzen der Bereiche dieser Ergänzung kann eine Perspektive für die Dorferneuerung sein und als Instrument, das die Zukunft des Dorfes gestaltet gelten und der Erhalt und die Kultivierung des polnischen Dorfes stellt bei der kulturellen Verschiedenheit Europas ein wichtiges Erbe dar.

22. bis 25. Mai 2007

6. Europäischer Dorferneuerungskongress „Geeintes Europa – Reich an Vielfalt und Herausforderungen“ in Kamíen Slaski, Polen

Statement von Univ. Prof. Alfons Dworsky

Planung ist vorausschauende Gestaltung von Lebensräumen. So verstanden reicht Dorfplanung bis in die historische Tiefe der Frühgeschichte zurück, und umfasst die Breite aller Kulturlandschaften.

Dorferneuerung ist eine Parallelkonstruktion zur Stadterneuerung und damit eine kommunalpolitische Erscheinung der 70er und 80er Jahre in Europa. Die sehr unterschiedliche Ausformung von Zielen, Methoden und Instrumenten legt es nahe, die nationalen Voraussetzungen genauer zu betrachten:

Schon im deutschsprachigen Raum: Schweiz, Österreich und Deutschland sind entscheidende Unterschiede zu erklären:

Da in der Schweiz keine Kriegs- und Nachkriegsverwüstungen stattfanden, da Rustikalität, Selbst- und Mitbestimmung geradezu Kernstücke schweizerischer Identität waren und sind, gab es dort keinerlei Veranlassung „Dorferneuerung“ einzuführen.

In Österreich entwickelte sich die Dorferneuerung im Zusammenfluss zweier Strömungen: Von „Unten“ als konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit etwa parallel zu den emanzipatorischen Forderungen der erhaltungsorientierten, sanften, von Partizipation getragenen Stadterneuerungen, und von „Oben“ als umfassendes Förderungsinstrument zur Revitalisierung bedrohter Orte und Regionen.
Dorferneuerungspläne der frühen Phase der 80er Jahre waren schwerpunktmässig erhaltungsorientierte städtebauliche und architektonische Ziele bzw. Entwürfe. Später traten ökologische und regionale Leitbilder hinzu, die zur Selbstbindung der Beteiligten und als Grundlage von individuellen, lokalen und regionalen Förderungsansuchen dienlich und nötig sind.
Die professionelle Moderation von umfassender Bürgerbeteiligung ist üblich, ebenso die Ausfertigung der Ergebnisse. In manchen Fällen ist die Anpassung der kommunalen Bauleitplanung  (Flächenwidmungs- und Bebauungsplanung) nötig und vorgeschrieben. In dieser Hinsicht kann der Dorferneuerungsplan – in Kernbereichen – auch Zielvorgabe für raumplanerische Verordnungen sein.

In Deutschland wurde die Dorferneuerung auf das vorhandene Instrument der Flurneuordnung bzw. Flurbereinigung aufgesattelt, zunächst als innerörtliches agrarstrukturelles Begleitmassnahmenpaket, dann als umfassendere, partizipatorisch erarbeitete Konzeption von Bürgerinnen und Bürgern. Der Dorferneuerungsplan deckt zwar mit sektoralen bzw. thematischen Arbeitsgruppen alle Belange der Kommunalentwicklung innerhalb und ausserhalb der Ortslage ab, bleibt aber im Kern ein Grundlagenwerk der agrarstrukturellen Förderung. Da Erstellung und Verordnung von Bauleitplänen nicht dem Agrarressort obliegt, ist im Dorferneuerungsverfahren eine obligate Bindung an die Bauleitplanung nicht vorgesehen.

Obwohl von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehend, vereinheitlicht sich die Praxis aktueller Dorferneuerungsplanungen im „Westen“ zusehends. Parallel zur Ausformung von EU-Förderungsinstrumenten, die für die Entwicklung ländlicher Räume geschaffen wurden verändern sich auch die Horizonte der Dorferneuerungsprojekte: In vermehrtem Mass moderieren professionelle Regionalentwicklungsagenturen, die mit Fachleuten aus den Bereichen Ökologie, Regionalplanung, Kommunalplanung, Architektur, Sozialmanagement u.s.w. ausgestattet sind Leitbildprozesse, die primär auf EU Förderbarkeit zugeschnitten sind.

Ob Horizontausweitung, Professionalisierung und Effizienzsteigerung den wohl unvermeidlich damit verbundenen Verlust von Bürgernähe und Spontaneität rechtfertigen, wird die Zukunft weisen.

23. September 2006

Als Sieger des 8. Europäischen Dorferneuerungspreises 2004 hatte die Gemeinde Ummendorf die ehrenvolle Aufgabe, für die Preisträger des Jahres 2006 die angemessene Plattform der Auszeichnungsveranstaltung zu organisieren und auszugestalten.

Mein besonderer Dank gilt der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, dass sie nun bereits zum neunten Mal den ländlichen Räumen Europas Gelegenheit gegeben hat, sich in Fragen der Dorferneuerung zu messen und dem jeweiligen Motto gerecht zu werden. Für mich ist dies der anspruchvollste Wettbewerb zu dieser Thematik.

Ummendorf vertrat als Gastgeber den Bördekreis und das Bundesland Sachsen-Anhalt und damit die gesamte Bundesrepublik Deutschland. Wir wollten gute Gastgeber sein. Deshalb begannen wir unsere Arbeit am Festprogramm bereits im Oktober 2004. Eine Vielzahl von Akteuren und viele fleißige Helfer waren daran beteiligt. Ja, man kann sagen, unsere ganze Gemeinde hatte Anteil an der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung dieser Veranstaltung. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Ummendorferinnen und Ummendorfern und selbstverständlich auch bei den Helferinnen und Helfern außerhalb für diese tatkräftige Unterstützung sehr herzlich bedanken.

Mit Unterstützung des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt und vieler Sponsoren ist es uns gelungen, ein ansprechendes 3-Tages-Programm zu organisieren und durchzuführen. Ich wünsche mir, dass alle Gäste mit guten Eindrücken aus Ummendorf in ihre Heimatregionen zurückgekehrt sind und dass sie sich von unserer Gastfreundschaft, Lebensfreude und von dem „Wir-Gefühl“ der UmmendorferInnen, die eine große Familie von 1.100 EinwohnerInnen verkörpern, überzeugen konnten.

Den Preisträgern des Wettbewerbes 2006 spreche ich, auch im Namen aller BürgerInnen der Gemeinde, meine herzlichsten Glückwünsche aus. Allen Teilnehmern am 9. Europäischen Dorferneurungswettbewerb wünsche ich viel Kraft, Mut und Glück bei der weiteren Entwicklung ihrer Gemeinden und Regionen.