Ein Blick zurück

Auszug aus der Präsentation von Theres Friewald-Hofbauer anlässlich des 22-jährigen Jubiläums der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung

Wahrscheinlich ist die Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung die einzige Organisation auf unserem Globus, die erst mehr als 20 Jahre nach ihrer Gründung ihr erstes Bestandsjubiläum feiert.

Wäre ich Politikerin, wüsste ich das sehr einfach zu erklären: „Die anderen verschwenden ihre Zeit, um zu feiern. Wir nutzen sie, um zu arbeiten!“ Als ehrliche Geschäftsführerin aber gestehe ich Ihnen die Wahrheit: Wir wissen einfach nicht, wann die Geburtsstunde der ARGE tatsächlich geschlagen hat. Schuld daran sind jedoch nicht, wie man vermuten könnte, Lücken in der Geschichtsschreibung, sondern, ganz im Gegenteil, ein gewisser Übereifer der Chronisten.

Denn ist man bereit, sich die Finger schmutzig zu machen und zu den von einem feinen Staubfilm bedeckten ersten urkundlichen Erwähnungen der ARGE vorzudringen, dann erfährt man, dass „im November 1987 beim 1. Europäischen Dorferneuerungskongress im Kloster Und in Krems der Wunsch nach einem internationalen Erfahrungsaustausch laut und die Voraussetzungen für die Gründung der Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung geschaffen wurden.“

Mit dieser Idee einer länderübergreifenden Zusammenarbeit schwanger gegangen waren damals allen voran Erwin Pröll, Ernst Scheiber und Peter Schawerda aus Niederösterreich, Staatsminister Simon Nüssel und Holger Magel aus Bayern sowie Max Mayr aus der Steiermark. Die Schwangerschaft dauerte ungewöhnlich lange, zumindest nach menschlichem Maß – gute elf Monate, genau genommen. Ende Oktober 1988 erfolgte jedenfalls dann in Graz, so steht es nachzulesen, die Gründung der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung.

Auch die Geburt selbst nahm noch einige Zeit in Anspruch. Im Mai 1989 sollte es – hier, an diesem Ort, im Kardinal-Döpfner-Haus in Freising – aber wirklich so weit sein: Erwin Pröll und Ernst Scheiber gaben sich die Ehre, in dicken, grünen Lettern zur „Offiziellen Gründungsversammlung“ einzuladen.

Eine höchst erfolgreiche Zwischenbilanz

Die Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung ist also heimgekehrt, zurück gekehrt an den Tatort, wo vor 22 Jahren ein kleines Pflänzchen gesetzt wurde, das sich dank Ihrer Betreung, Ihrer Pflege und Ihrer Begleitung, geschätzte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, zu einem ansehlichen, reiche Früchte tragenden Bäumchen entwickelt hat.

In nackten Zahlen ausgedrückt, sind das beispielsweise 29 Kongresse, Konferenzen und Symposien an den unterschiedlichsten Orten und zu den vielfältigsten Themen sowie eine Unzahl von Seminaren, Dorferneuerungs-Stammtischen, Diskussionsforen und Workshops. Und egal, ob die ARGE dabei alleine agiert hat oder mit den Gastgeberregionen oder einer schlagkräftigen Organisation eine Veranstaltungspartnerschaft eingegangen ist, die Intention dabei war stets dieselbe:

Es ging darum, Räume der Kommunikation, der Wissensvermittlung, des Erfahrungsaustausches und der Motivation schaffen, für die Menschen in den Dörfern ebenso wie für jene in den Verwaltungen, für die Forschenden und Lehrenden ebenso wie für jene an den Schalthebeln der politischen Macht.

Gleiches gilt auch für die bislang 19 Dorferneuerungsstudienfahrten und Exkursionen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Estland bis Spanien und von Bulgarien bis Holland. Sie führten durch atemberaubende Landschaften und durch solche, deren stille Schönheit sich oft erst auf den zweiten Blick offenbart, in Regionen, denen die Natur oder die Maßlosigkeit der Menschen eine schwere Bürde auferlegt haben, zu Orten, die aus einem Minimum an Möglichkeiten ein Maximum herausgeholt haben, und zu solchen, denen alle Wege offen standen und die sich dennoch für den richtigen entschieden haben.

Weil das gesprochene Wort oft flüchtig ist und manches einer Nachlese bedarf, kam stets auch den Publikationen eine große Bedeutung zu. 19 Ausgaben der „Dorferneuerung international“, 8 Best-Practice-Bände, die die Projekte der Dorferneuerungswettbewerbe aus Sicht der Bewertungskommissionen dokumentieren, und nicht zuletz das 2005 erschienene Buch „HeimSuchungen. 15 Jahre Europäischer Dorferneuerungspreis im Spiegel der Zeit“ belegen dies.

Dorferneuerungswettbewerb als Herzstück

Das Stichwort ist nun schon mehrmals gefallen: Europäischer Dorferneuerungspreis! Das 1990 gestartete, höchst mutige Experiment, Äpfel mit Birnen, also große und kleine Orte, mit unterschiedlichsten naturräumlichen, kulturellen und historischen Besonderheiten sowie verschiedenartigsten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, miteinander zu vergleichen, ist aufgegangen.

Heute stellt der Wettbewerb um den Europäischen Dorferneuerungspreis, der 2012 das 12. Mal ausgetragen wird, das Herzstück der Aktivitäten dar. Im Zentrum stehen dabei immer lokale Gemeinschaften von Bürgerinnen und Bürgern, die sich des Wertes ihres Lebensraumes bewusst und bereit sind, sich für seine nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltung mit ihrer ganzen Kraft und ihrer ganzen Kreativität zu engagieren.

Und egal, ob Preisträger oder „Unter ferner liefen“, sie alle gehen aus den Wettbewerben als Sieger hervor, weil sie voneinander profitieren, aus den Erfolgen und Fehlern anderer lernen, zu neuen Projekten inspiriert und motiviert werden und manchmal auf Gleichgesinnte treffen, die zu Freunden werden. Ganz besonders dann, wenn die Siegerehrung ansteht und sich um die 1000 Menschen, wie das in den letzten Jahren der Fall war, zu einem mehrtägigen Fest der Lebensfreude zusammenfinden. Mit Begegnungen, die dazu beitragen, Grenzen in den Köpfen abzubauen, das Verständnis für einander zu mehren und die Vielfalt Europas als gemeinsamen Reichtum zu begreifen.

An die 50 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Verwaltung und Kommunalpolitik haben dem Europäischen Dorferneuerungswettbewerb seit seiner Etablierung als Mitglieder der Wettbewerbsjury ihr Wissen und Können, ihre Zeit und häufig auch ihre Freizeit, ihr Verantwortungsbewusstsein und ein Stück ihres Herzens geschenkt. Sie haben ihn weiterentwickelt und neuen Zeiten und Herausforderungen angepasst. Allen voran die Juryvorsitzenden Wilhelm Landzettel und Matthias Reichenbach-Klinke sowie Johanna Schmidt-Grohe, derer wir uns heute in respekt- und liebevoller Dankbarkeit erinnern.

Wandel und Veränderung

In den vergangenen 22, 23 oder 24 Jahren, je nachdem, welches Ereignis den Beginn der Zeitrechnung markieren soll, ist vieles passiert. Die Seiten in den Geschichtsbüchern der Menschheit wurden rascher gewendet denn je. Die Welt ist zu einem Dorf geworden und das Gesicht Europas ist nicht mehr wieder zu erkennen.

Auch in der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung hat sich manches geändert. Am 24. November 2006, also genau vor fünf Jahren, waren ihre Tage als Plattform des Ökosozialen Forums Österreich, wo sie eine sehr fürsorgliche und umsichtige Heimat gefunden hatte, gezählt. Auf einstimmigen Beschluss des Offiziellen Beirates, der ab nun Vollversammlung heißen sollte, wurde sie als eigene  Rechtspersönlichkeit, als eigenständiger Verein, aus der Taufe gehoben. Ein wichtiger und richtiger Schritt, wie sich bald zeigen sollte.

Auch das Leitbild der ARGE, das 1996 in Konstanz verabschiedet worden war, wurde unter breiter Einbindung von Fachleuten und PraktikerInnen aus weiten Teilen Europas einem kräftigen inhaltlichen und optischen Relaunch unterzogen. Nun präsentiert es sich als eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die guten Willens sind, zu einer nachhaltigen Entwicklung europäischer Dörfer und Landgemeinden aufzubrechen.

Lassen Sie mich abschließend noch stichwortartig einzelne Aktivitäten und Entwicklungen erwähnen:

  • wie etwa den Wettbewerb um die „European Kids’ Trophy“, mit der wir 2005 die kinder- und jugendfreundlichsten Dorferneuerungsprojekte ausgezeichnet haben;
  • oder die Tatsache, dass wir zunehmend mit anderen Organisationen und Institutionen, die sich für den ländlichen Raum engagieren, Kooperationen eingehen, weil wir wissen, dass wir wesentlich gewichtiger werden, wenn wir gemeinsam auf die Waage steigen;
  • Meinungsbildung auf der einen Seite und Informations-Transfer auf der anderen – das ist es, was wir aus unserer Mitgliedschaft bei zwei EU-Ausschüssen in Brüssel lukrieren;
  • wir gehen mit der Zeit: Zu den schriftlichen Publikationen gesellen sich vermehrt DVDs und andere zeitgemäße Datenträger; und selbstverständlich sind wir auch im Internet mit einer Homepage und einer Facebook-Gruppe vertreten.

Zukunftsmusik

Auch wenn wir uns heute ein wenig selbst auf die Schulter klopfen, wissen wir nur zu gut, dass es noch viel und immer Neues zu tun geben wird, damit in unseren Dörfern die Zukunftsmusik erklingt.

„Die Lebenskraft einer Epoche zeigt sich in ihrer Aussaat, nicht in ihrer Ernte“, heißt es bei Ludwig Börne. Säen wir weiter aus, auch wenn wir auf harten Grund und versiegte Quellen treffen!

Begeben wir uns auf die Suche nach den Spuren unserer Vorfahren und ziehen wir gleichzeitig unsere eigenen, auch dort, wo uns Steine in den Weg gelegt werden. Denn schwierige Bedingungen sind ein Kompliment des Schicksals an die Gestaltungskraft der Betroffenen. Erweisen wir uns dieser Komplimente als würdig, sorgen wir dafür, dass sich Selbstvertrauen, Phantasie und Zukunftsmut immer wieder auf’s Neue zum Rendezvous verabreden können!

Tragen wir das unsere dazu bei, dass sich die Menschen näher kommen, in Ost und West und Stadt und Land und dass sie Heimat finden in einem facettenreichen und geeinten Europa.