11.08.2006

Werner Grolly "Obermarkersdorf - Sieger 1998"

Die Spuren einer Besiedlung in Obermarkersdorf weisen zurück bis in die Bronzezeit (ca. 1800 bis 1000 v. Chr.). Die erste direkte Nennung finden wir 1171 „Marquartstorf iuxta Pulka“, was man als „Markersdorf neben Pulkau“ übersetzen kann. Urkunden des 12. und 13. Jahrhunderts handeln immer wieder von der Schenkung oder dem Verkauf von Weingärten in und um „Marquartstorf“.
1383 wurde Obermarkersdorf eigene Pfarre. 1425 und 1431 wurde die Gegend von den Hussiten verwüstet. 1436 kam der Ort durch einen Gütertausch in den Besitz der Eitzinger. 1489 wurde Obermarkersdorf zum Markt erhoben. Im gleichen Jahr kam es durch die Truppen des Ungarnkönigs Matthias Corvinus zu Verwüstungen und Plünderungen.
Die fast 200jährige Herrschaft der Eitzinger endete mit dem 30jährigen Krieg (1618 bis 1648), als die protestantische Armee bei Prag vernichtend geschlagen wurde. Durch den Widerstand der Freiherren von Eitzing gegen den damaligen Kaiser Ferdinand II. wurden sie geächtet, und ihr Besitz fiel an den Kaiser. Das fand auch in der Entwicklung Obermarkersdorfs ihren Niederschlag, denn Pfarre und Schule wurden aufgelöst.
1645 zogen die Schweden mit 40.000 Mann durch unser Gebiet, der Ort wurde geplündert und gebrandschatzt. Der Schwedensteig, der von Retz über Obermarkersdorf nach Krems führt, zeugt heute noch davon. Durch die Folgen des 30jährigen Krieges verarmte Obermarkersdorf derart, daß es sein Marktrecht an Pulkau verpfänden mußte. 1683 fiel der Ort den Türken zum Opfer.
Am 23. Dezember 1728 wird das verpfändete Marktprivileg durch Kaiser Karl VI. erneuert. 1757 zerstörte eine gewaltige Feuersbrunst die Kirche und einen Großteil der Häuser. In den Jahren 1798, 1805 und 1809 kam es wieder zu Plünderungen durch fremde Truppen.
Anfang des 20. Jahrhunderts setzte rege Bautätigkeit ein, das erweiterte Rathaus mit Feuerwehrdepot sowie das Gebäude der Milchgenossenschaft (das heutige Zeughaus) entstanden um diese Zeit.
1947 wird zur Versorgung des Ortes und der Kellergasse eine Wasserversorgungsanlage errichtet. Mit der endgültigen Befreiung unseres Landes 1955 zieht auch langsam wieder der Wohlstand ein. Neue Kirchenfenster werden gespendet, die Jeßwanger Orgel renoviert und 1960 der letzte Teil unseres Ortes, die Rosenau, ans Wassernetz angeschlossen.
Im Zuge der Umstrukturierung der Gemeinden in Niederösterreich wurden 1969 die drei Orte Obermarkersdorf, Schrattenthal und Waitzendorf zur Großgemeinde Schrattenthal zusammengelegt. Der Sitz der Gemeinde ist im Rathaus von Obermarkersdorf untergebracht.
Probleme als Auslöser für Dorferneuerung
Obermarkersdorf ist landwirtschaftlich geprägt und liegt im Norden Niederösterreichs, in einem wirtschaftlich besonders benachteiligten Gebiet in unmittelbarer Nähe der Weinstadt Retz. Die Lage knapp an der tschechischen Grenze und der Strukturwandel in der Landwirtschaft führten zu einer starken Abwanderung und zu wirtschaftlichen Problemen in dieser Region. Außerdem wurde durch die Flurbereinigung das Umland stark beeinflußt. Diese Probleme kennzeichneten auch Obermarkersdorf, als die „Keimzelle der Dorferneuerung“ austrieb.
Seitens der Gemeindeverwaltung unter Altbürgermeister Ludwig Wally wurden daher neue Wege gesucht, diese Situation zu verbessern und die notwendigen Voraussetzungen für eine lebenswerte Gemeinde zu schaffen. So wurden unter anderem verschiedene Untersuchungen und Projekte zur Ortsbildpflege durchgeführt, im Jahr 1982 erfolgte schließlich eine umfangreiche Bestandserhebung.
Aus der Analyse der in einer Fragenbogenaktion gewonnenen Daten sowie durch intensiven Kontakt mit der Bevölkerung wurde ein detailliertes Gestaltungskonzept erstellt, das allgemeine Zustimmung fand. Der nächste logische Schritt war die Neugestaltung des mittlerweile zehn Jahre alten örtlichen Raumordnungsprogrammes.
Der Ort präsentiert sich heute in geschlossener Bauform rund um den Dorfanger. Der Bach durchfließt das Dorf der Länge nach und verleiht ihm zusammen mit der Nußbaumallee einen unverwechselbaren Charakter. Gepflegte Fassaden und Vorgärten prägen das Bild.
Durch die Rückwidmung von Bauland, durch Bauberatung und Bauvorschriften ist es gelungen, die typische Siedlungsstruktur des Dorfes zu erhalten und zu betonen. Die Hintausbereiche mit ihren malerischen Scheunenreihen wurden ebenfalls in Grünland-Landwirtschaft rückgewidmet, um deren Freihaltung von Wohnraumbebauung zu gewährleisten. Praktisch von Beginn an wurde eine kostenlose Bauberatung angeboten.
Die Baulandrückwidmung hat sich sehr bewährt. Mit den Baulandreserven im Ortskern konnte das Auslangen gefunden werden. Randsiedlungen, die so viele gewachsene alte Ortschaften verunstalten, sind nicht entstanden. Ein ganz wesentlicher Vorteil ist, daß der Ortskern intakt und bewohnt bleibt, daß keine leerstehenden, halb verfallenen Gebäude das Ortsbild beeinträchtigen.
Zu Beginn der Dorferneuerung standen 44 Gebäude im Ort leer. Heute gibt es keine leerstehenden Häuser mehr. Sie wurden alle revitalisiert und zum Teil auch von Zweitwohnsitzern bezogen. Auch für die künftige Dorferweiterung ist die geschlossene Bauweise vorgegeben.
Eine geplante Ortsbachverrohrung erwies sich als Initialzündung zur Dorferneuerung. Der Unmut der Bevölkerung erwuchs zum gemeinsamen Engagement, zur offenen Sanierung des Baches, zum Setzen einer Nußbaumallee und schließlich zu den ersten Aktivitäten gegen das scheinbar unabwendbare Schicksal des Dörfersterbens an der „Toten Grenze“. Damit war ein Bewußtseinsbildungsprozeß eingeleitet, der bis heute andauert und eine Vielzahl an Maßnahmen und in der Folge einen Abwanderungsstop induziert hat.
Niederösterreichische Pilotgemeinde der Dorferneuerung
Im Jahr 1985 wurde dann die Gemeinde Schrattenthal mit allen drei Orten zur Pilotgemeinde der Dorferneuerung in Niederösterreich. Zur Umsetzung der Dorferneuerung wurde in Obermarkersdorf ein selbständiger Verein gegründet. Es folgte nun eine genaue Analyse in Zusammenwirken zwischen dem Verein, den Planern und der Gemeinde.
Aufgrund dieses Ergebnisses wurde nun begonnen, einen Dorferneuerungsplan zu erstellen. Den Planern wurde rasch bewußt, daß der Erfolg ihrer Arbeit nicht vom eigenen Fachwissen alleine abhängig ist, sondern vielmehr davon, inwieweit es gelingt, eine partnerschaftliche akzeptable Form der Zusammenarbeit zwischen den fachlich ausgebildeten Planern und den Bewohnern zu erreichen, welchen Weg die betroffene Bevölkerung geht, in welcher Art sie Probleme erkennt, Ziele formuliert und in die Tat umsetzt.
Umgestaltung des Kirchenplatzes
Gleichzeitig wurde die Realisierung eines Einstiegsprojektes in die Wege geleitet. Als Einstiegsprojekt wurde von der Bevölkerung die Gestaltung des Kirchenplatzes ausgewählt. Als erster Schritt für die Realisierung dieses Vorhabens wurde an Ort und Stelle mit dem Planer, der Bevölkerung und dem Verein Gestaltungsvorschläge erarbeitet. Der Planer erstellte dann einen konkreten Vorschlag, der dann noch einmal mit den betroffenen Anrainern besprochen wurde. Dieser ausgereifte Plan wurde vom Gemeinderat genehmigt und die praktische Durchführung in die Wege geleitet. Die Bauausführung wurde teils von befugten Baufirmen, teils von der Bevölkerung unentgeltlich vorgenommen.
Durch die Einbeziehung der Bevölkerung in die Planungs- und Durchführungsphase kommt es zu einem positiven Bezug des einzelnen zu dem jeweiligen Vorhaben. Alle Vorhaben im Rahmen der Dorferneuerung wurden in dieser Art und Weise realisiert, und überall war die Bereitschaft der Bewohner zur Mitarbeit vorhanden.
Dorferneuerung besteht jedoch nicht nur aus sichtbaren Objekten. Diese stellen genau genommen oft nur ein Ergebnis eines langen Planungsprozesses dar. Zudem ist auch eine Vielzahl von Vorhaben nicht sichtbar, dennoch sind diese für den Ort und der Bevölkerung sehr wichtig. Diesbezüglich sind zahlreiche Sitzungen der Aktivisten, Vorträge, Feste und gesellige Veranstaltungen zu erwähnen.
Umfassende Dorferneuerung
Seit dieser Zeit wird in Obermarkersdorf kontinuierlich eine umfassende Dorferneuerung praktiziert. Es reicht von der Stärkung des Selbstbewußtseins der Bevölkerung, baulichen Gestaltung des Ortes,Verbesserung der Ökologie, des kulturellen und sportlichen Angebotes und Stärkung der Landwirtschaft. Natürlich wurde auch über die Gemeinde-, Landes- und Staatsgrenzen hinweg versucht, durch Gedankenaustausch neue Ideen zu entwickeln.
In Obermarkersdorf wird Dorferneuerung gelebt. Nicht nur, daß der Verein nach wie vor aktiv ist, die Einstellung ist in den Bewohnern verwurzelt. Auch soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Erfolg keineswegs selbstverständlich war. Harte Arbeit war dafür notwendig. Ohne des Einsatzes des Dorferneuerungsvereines und der guten Zusammenarbeit zwischen der Bevölkerung, der Planer und der Gemeindeverwaltung wäre es nicht möglich gewesen, eine Vorbildgemeinde zu gestalten, die mit dem Erringen des Europäischen Dorferneuerungspreises 1998 die entsprechende Anerkennung erhalten hat. Es wird jetzt wieder an uns liegen, als nächsten Schritt eine wirtschaftliche Erneuerung herbeizuführen.
In Obermarkersdorf gibt es eine gute infrastrukturelle Versorgung und viele Gemeinschaftseinrichtungen, wie zum Beispiel das revitalisierte und multifunktional genutzte Rathaus im Ortszentrum mit dem Gemeinschaftssaal, dem Musikheim, der Arztpraxis, einer Bank, der Mutterberatung und dem Kindergarten.
Die gestalterischen Maßnahmen wurden sehr zurückhaltend gesetzt, wie beispielsweise bei der alten Schule, die zur Bibliothek umgenutzt wurde. Auch die Integration von Landschaftselementen – Ökoflächen, Jagerteich, Begrünung des Dorfangers, offener Ortsbach mit Nußbaumallee – ist gut gelungen. Daß die Anrainer für die Pflege der innerörtlichen Grünflächen verantwortlich sind, entlastet nicht nur das Gemeindebudget, sondern stärkt auch den Gemeinschaftssinn und die Identifikation der Dorfbewohner mit ihrem Lebensraum.
Zahlreiche Veranstaltungen
Zahlreiche Veranstaltungen, insbesondere das Kürbisfest, das mit rund 30.000 Besuchern auch touristische Effekte erzielt, aber auch Kulturinitiativen und die Errichtung der Dorfbibliothek, das Setzen eines Friedenskreuzes und internationaler Exkursionstourismus bewirken das gleiche: Sie fördern das Selbstbewußtsein, verbessern die Lebensqualität und motivieren zu neuem und gemeinschaftlichem Tun.
Das spiegelt sich auch im pulsierenden Vereinsleben wider und ist zugleich die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung in Obermarkersdorf.
Naturnaher Weinbau, Direktvermarktung in Verbindung mit Tagestourismus, Gewerbebetriebe, Nahversorgungs- und Dienstleistungsbetriebe sichern Existenzen und haben die Anzahl der Arbeitsplätze innerhalb der 13 Dorferneuerungsjahre verdreifacht. Daß dabei vor allem auf regionale Kooperationen gesetzt wird, vor allem innerhalb des „Retzer Landes“, zeigt die zukunftsorientierte Grundhaltung.
Die vorbildliche ökologische Gesinnung dokumentiert sich nicht nur in Aktivitäten zur Erhaltung und Entwicklung der Kulturlandschaft, sondern auf beeindruckende Art und Weise auch am Sektor der dörflichen Energieversorgung: Ein genossenschaftlich organisiertes Hackschnitzelheizkraftwerk mit Sonnenkollektoren nutzt erneuerbare Energieträger und versorgt derzeit 70 Haushalte. Für alle künftigen Energienutzer gilt Anschlußpflicht.
Erwähnenswert sind die bereits zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ gepflegten Kontakte nach Tschechien. Obermarkersdorf zeigt hier im kleinen vor, wie zwischen Nachbarn zum beiderseitigen Nutzen kooperiert werden kann. Damit setzen die Gemeinden und ihre Bewohner ein Vorzeigebeispiel für die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Osterweiterung.

wertung der Jury
Der Dorferneuerungsprozeß in Obermarkersdorf wird als besonders mottogerecht erkannt und überzeugt auf herausragende Art und Weise hinsichtlich Inhalt, Methode und Wirkung. Obermarkersdorf wird daher mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis 1998 ausgezeichnet.

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