11.08.2006

Tijme Bouwers "Bücherstadt Bredevoort"

Die niederländische Kleinstadt Bredevoort zählt 1.600 Einwohner und bildet seit 1818 gemeinsam mit Aalten eine kommunalpolitische Einheit, was aber dem Selbstverständnis der Bevölkerung, sich als Bredevoorter zu fühlen, bis heute keinen Abbruch tun konnte. Trotz dieser starken Identität wurden zunehmend Defizite in der funktional bedingten Lebensqualität merkbar. Die Jugend wanderte zusehend ab, die kleiner strukturierte Landwirtschaft mit bescheiden Hofstellen wurde immer mehr aufgegeben.
Als Folge davon gab es an die 40 leerstehende oder nur teilweise genutzte Gebäude im Siedlungskern. Das ehemals von Landwirtschaft und Industrie gekennzeichnete Städtchen weist heute eine gemischte Struktur und setzt seit 1992 konsequent und gezielt ein besonders schöpferisches Dorferneuerungsprogramm um.
Bredevoort ist ein sehr geschichtsträchtiger Boden, dessen äußerster Bereich von arrondierten Landwirtschaftsbetrieben gebildet wird, dem sich ein Naturpark als harmonische Verbindung zwischen Flur und Siedlung anschließt und der die historische Funktion als Befestigungsanlage nachvollziehbar macht. Das „Herz“ Bredevoorts ist ein mittelalterlicher Stadtkern, der 1986 unter Denkmalschutz gestellt wurde.
In der Folge wurden Straßenbeläge und Häuser renoviert und damit optimale Voraussetzungen für die Realisierung der kreativen Idee, sich dem Thema einer grenzüberschreitenden Bücherstadt zu verschreiben, geschaffen. Träger des Projektes, das 1992 geboren wurde, ist eine Stiftung, die „Stichting Bredevoort Boekenstad“, die sehr eigenständig agiert und mit der Gemeindeverwaltung in sinnvoller Arbeitsteilung kooperiert, nicht als Bittsteller um finanzielle Zuwendung, sondern als starker Partner.
In nur fünf Jahren konnten erstaunliche Resultate erzielt werden: Heute beherbergt Bredevoort 24 Antiquariate, ein Buchbinde- und ein Dokumentationszentrum für Regionalgeschichte sowie mehrere Kunstgalerien und hat damit enorm zur Nutzung nahezu aller leerstehenden Häuser, zur Belebung des Stadtkerns und zur Hebung der Lebensqualität der Bewohner beigetragen. Das nicht zuletzt auch deshalb, weil Wohnen und Wirtschaften wieder räumlich zusammengeführt sind.
Darüber hinaus löste das Konzept „Bredevoort Bücherstadt“ einen florierenden Kulturtourismus mit positiven Auswirkungen auf verschiedene Wirtschaftsbereiche aus, was sich insbesondere in einer deutlichen Zunahme von Arbeitsplätzen, auch in sogenannten „städtischen“ Branchen, dokumentiert.
Auch die Landwirtschaft gehört zur den Nutznießern: Zelt- und Campingstellplätze, die sie für die jährlich 100.000 Buchtouristen zur Verfüngung stellt, bieten die Möglichkeit der Einkommenskombination und haben darüber hinaus auch die Funktion eines Ventils für einen Umstieg zu extensiveren Bewirtschaftungsformen. Dazu ist anzumerken, daß das Gebiet um Bredevoort auch offiziell als „wertvolle Kulturlandschaft“ firmiert, was eine breite Berücksichtigung von Naturschutzinteressen bei der landwirtschaftlichen Betriebsführung erfordert.
Der hohe Stellenwert, den die Ökologie einnimmt, wird auch bei der Parkgestaltung (Brennessel werden mit großem Selbstbewußtsein und Verweis auf ihre Nützlichkeit verteidigt) und im Rahmen der dörflichen Energieversorgung, die zunehmend auf Wind- und Solarenergie setzt, offenkundig.
Nicht zuletzt präsentiert sich Bredevoort auch im Bereich sozial und funktional bedingter Qualitäten besonders innovativ, wie beispielsweise die ökumenische Schule, die Errichtung eines Seniorenwohnkomplexes und der Umbau des benachbarten Klosters zu einem modernen Altersheim, dessen Mitarbeiter bei Bedarf auch Pflegedienste im Seniorenkomplex übernehmen, beweisen.
Auch in der Altenbetreuung wird das „Innere Leitbild“ der Dorferneuerung und Landentwicklung in Bredevoort, das sich wie ein roter Faden durch die Gesamtheit der Aktivitäten und Maßnahmen zieht, sichtbar: Man übt
m bewußte Selbstbeschränkung und bekennt sich zu verträglichen Größenordnungen (Campingstellplätze, Anzahl der Buchhändler, Größe vom Altenheim und Seniorenwohnkomplex), um die Nachhaltigkeit der Entwicklungen zu gewährleisten;
m strebt nach räumlicher Verbundenheit und integrativen Ansätzen;
m fördert Kreativität und Innovationen;
m bedient sich dabei vielfältiger innerörtlicher, überregionaler und bilateraler Kooperationen und
m läßt nicht nur die Städter zur Arbeit aufs Land pendeln, sondern holt mit der Literatur ein Kulturgut ins Dorf, für das im Regelfall die Ballungsräume die Themenführerschaft beanspruchen.

wertung der Jury
Bredevoort wird mit einem Europäischen Dorferneuerungspreis für eine mottogerechte, umfassende Dorfentwicklung von herausragender Qualität ausgezeichnet.

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