11.08.2006

Hans Detlef Feddersen "Windkraft fest in Bauernhand"

Die Wiedingharde ist die Modellregion für den ländlichen Raum in Schleswig-Holstein. Von 1992 bis 1995 wurde hier mit erheblicher finanzieller und personeller Unterstützung des Landes Schleswig-Holstein und des Bundesbauministeriums ein grenzüberschreitendes integriertes Entwicklungskonzept durchgeführt. Hierin haben die einzelnen Gemeinden ihre künftigen Entwicklungsschwerpunkte definiert. Partner auf dänischer Seite war die Kommune Hoyer.
Der Bürgerwindpark befindet sich in der Gemeinde Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog, die zum Amt Wiedingharde gehört. Sie hat insgesamt 4300 Einwohner und liegt in der „letzten Ecke“ Deutschlands, im Norden begrenzt durch das Königreich Dänemark, im Westen durch die Nordsee.
Mittlerweile sind verschiedene Leitprojekte realisiert worden – der Schritt vom theoretischen Papier hin zur konkreten Umsetzung ist geschafft.
Das integrierte Entwicklungskonzept „Wiedingharde – Tonderner Marsch“ war Vorläufer der heutigen Entwicklungs- und Strukturanalysen (LSE), die heute in vielen Bereichen Schleswig-Holsteins durchgeführt werden und Voraussetzung für die Gewährung von Investitionshilfen des Landes im Bereich der Dorfentwicklung sind. Auslöser dieses Konzeptes waren der sich vollziehende Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Wille des Amtsausschusses, darauf reagierend günstige Rahmenbedingungen für die Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen in der Region zu schaffen. Prägendes Merkmal des Entwicklungskonzeptes war die starke Bürgereinbindung auf allen Ebenen.
Die Verantwortlichen der Gemeinde Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog haben sich darauf festgelegt, vorrangig die Entwicklung der Landwirtschaft und der Windenergie zu unterstützen.
Wie sieht nun die Entwicklung im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog, der erst 1954 durch Landgewinnung entstanden ist, aus? Wie kam es zum Bau der vielen Windkraftanlagen?
1989 begann die Planung des ersten großen Windparks in Deutschland. Innerhalb der folgenden zwei Jahre sollten hier am Deich, der den Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog von der Nordsee trennt, 50 Windräder errichtet werden. Das war damals der größte Windpark Europas.
Initiatoren waren die Manager einer Schiffswerft in 60 Kilometer Entfernung, die keine ausreichenden Aufträge hatten und nach Alternativen suchten. Die Gesamtinvestition für die 50 Windenergieanlagen (WEA) betrug 37 Millionen DM. Das notwendige Eigenkapital sollte in ganz Deutschland aufgebracht werden.
Für die damalige Gemeindevertretung, die nun dem Projekt zustimmen musste, tauchten folgende Fragen auf: Wie wird sich die Landschaft verändern? Welche Geräusche macht so ein Windpark? Welchen Nutzen hat die Gemeinde davon?
Obwohl noch keine ähnlichen Projekte zur Besichtigung vorhanden waren, traf sie eine mutige Entscheidung: „Wir wissen nicht, ob unsere Gemeinde jemals einen finanziellen Nutzen daraus haben wird, aber wenn es eine Möglichkeit ist, den erneuerbaren Energien auf die Sprünge zu helfen, dann wollen wir das ermöglichen.“
Die ländlichen Räume in ganz Europa brauchen couragierte Kommunal- und Regionalvertreter, die den Mut zu richtungweisenden Entscheidungen haben.
Das Projekt wurde nun konkret in die Wege geleitet. Die Bürger bekamen die Möglichkeit, sich zu beteiligen. In den bundesweit verteilten Hochglanzprospekten wurde mit steuerlichen Begünstigungen geworben. Die Verzinsung des Kapitals war sehr bescheiden. So wurde der Windpark als Abschreibungsobjekt mit Kapital aus ganz Deutschland gebaut und 1991 fertiggestellt.
Noch Ende 1990 passierte etwas Entscheidendes für unsere weiteren Überlegungen. Das Bundesparlament verabschiedete das Stromeinspeisegesetz. Es garantierte die Abnahme und die Vergütungshöhe von regenerativ erzeugtem Strom für 16 Pfennig statt vorher neun Pfennig/kWh. Dieses Gesetz ist für den Ausbau aller regenerativen Energieformen ein ganz wichtiger Stützpfeiler! Daraufhin überlegten mehrere Bürger, auf ihrem eigenen Land Ähnliches zu bauen.
Zehn Landwirte – in der ganzen Gemeinde verstreut – hatten sich ihre eigenen Gedanken gemacht. Wieder war es die Gemeindevertretung, die eine geschlossene Aufstellung der Windenergieanlage anforderte und an die Mitglieder unserer Organisation appellierte. Schon nach zwei Zusammenkünften wurde klar, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen konnten. Es wurde eine Interessengemeinschaft gegründet, deren erste Aufgabe es war, alle Bürger darüber zu informieren, dass ein gemeinschaftlicher Windpark in der Gemeinde geplant werden soll. Möglichst früh wollten wir Interessenkonflikten begegnen. So viele Bürger wie möglich sollten in dieses Projekt eingebunden werden – egal ob finanziell oder ideell. Es sollte der erste richtige „Bürger-Windpark“ werden.
Nach einem Vierteljahr mit vielen Diskussionen, Beratungen und Besichtigungen in kleinen und großen Gruppen wurde gehandelt: Eine Gesellschaft wurde gegründet. Aus anfangs zehn Interessierten waren jetzt 44 Gesellschafter geworden. Die Gemeinde selbst ist auch dabei.
Was wollten wir genau? Ziel war, 22 Windkraftanlagen für 22 Millionen DM auf 19 verschiedenen Grundstücken von 16 Bauern zu errichten. Dazu benötigt man Kapital, Arbeitskraft und Investoren, die bereit sind, Risiko einzugehen. Drei Landwirte aus der Gesellschaft wurden zu Geschäftsführern bestellt. Sie hatten den Hauptteil der Planung und der Arbeit zu leisten bzw. diese zu vergeben. Einen kleinen Teil (zehn Prozent) des notwendigen Kapitals trugen die 44 Gesellschafter zusammen. Auf Grund unseres Bürger-Windpark-Konzeptes erhielten wir weitere 1,5 Millionen DM als Förderung des Landes Schleswig-Holstein, außerdem eine Förderzusage des Bundeswirtschaftsministeriums.
Die restlichen 18 Millionen DM mussten wir als Kredit bei einer Bank aufnehmen. Um die dazu notwendige Sicherheit zu gewährleisten, waren die Gesellschafter bereit, ein beachtliches Risiko einzugehen und mit ihren Häusern und Höfen zu bürgen. Der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel sagte einmal: „Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht gar nichts!“ Die regionale Genossenschaftsbank übernahm die Kreditgewährung. Daraufhin wurde der Bauantrag gestellt und nach fast zwei Jahren langwieriger Kleinarbeit fand die Einweihung des ersten Bauabschnittes statt. Im Dezember 1992 drehten sich die ersten 14 Windanlagen.
In einem stufenweisen Ausbau wurden bis 1999 insgesamt 32 WEA gebaut. Entsprechend der technologischen Entwicklung sind stets größere und effizientere Anlagen installiert worden, insgesamt mit einem doppelt so hohen Investitionsvolumen und dem 2,5fachen Ertrag als 1991 geplant. Das wurde möglich, da die Überschüsse aus den ersten Jahren stets in die Finanzierung der folgenden Investitionen eingeflossen sind. Für einen weiteren Ausbau sind keine Standplätze mehr vorhanden. Der erzeugte Strom wird komplett an das regionale Stromversorgungsunternehmen verkauft.
Welche Auswirkungen hat nun der Betrieb der WEA auf unsere Gemeinde? Das Bürger-Windpark-Projekt läuft wirtschaftlich, sodass an die Gesellschafter Dividenden ausgezahlt werden können. Das heißt zusätzliche Kaufkraft und bewirkt wieder Umsatz für Handel und Gewerbe in der Umgebung, was wiederum Wertschöpfung für den ländlichen Raum bedeutet!
Das Gewerbesteueraufkommen der Gemeinde ist beträchtlich gestiegen. Sie ist finanziell unabhängig und unterstützt durch diverse Abgaben und Umlagen das Amt Wiedingharde und 137 weitere Gemeinden des Landkreises.
Aus ökologischer Sicht wird durch die rückstandsfreie Produktion von Energie ein deutlicher Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Da der Treibhauseffekt auf lange Sicht auch zum Anstieg des Meeresspiegels führen wird, ist dieser Aspekt nicht unwichtig, insbesondere wenn man, wie wir, nur einige Meter vom Meer entfernt wohnt. Unsere Antwort auf Kritiker, die wegen der Veränderungen des Landschaftsbildes negative Auswirkungen auf den Tourismus befürchten, heißt: „Windmillclimbing“. So machen wir unsere Windenergieanlagen zum Ausgangspunkt eines „kleinen Abenteuers“.
Welche Rahmenbedingungen müssen nun gegeben sein, damit solche Aktivitäten auch auf andere Regionen erfolgreich übertragen werden können?
Zurecht wird das Thema „Energie im ländlichen Raum“ als Schlüsselfrage dieses Jahrtausends angesehen. Der ländliche Raum wird langfristig in einem vernetzten System dezentraler Energieerzeugung – getragen von erneuerbaren Energien – eine bedeutendere Rolle spielen.
Diese Energieformen sind bislang und noch solange teurer, wie die Folgekosten der fossilen oder nuklearen Brennstoffe auf die Allgemeinheit und in die Zukunft verlagert werden. Unter solchen Bedingungen muss den erneuerbaren Energien ein politischer Vorrang eingeräumt werden – wie es in der Bundesrepublik Deutschland durch das Einspeisegesetz geschieht.
Mein Appell an die Politiker ist, sich weiterhin stark zu machen für Bedingungen, die den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern. Die künftigen Generationen und nicht zuletzt die ländlichen Räume werden es ihnen danken.
Ausgehend davon, dass sich die langfristig sinnvollen Rahmenbedingungen zumindest nicht verschlechtern werden, müssen wir diese Situation als Chance nutzen, die Diskussion bestimmen und entsprechend handeln.
Große Konzerne wie BP, Shell oder Daimler Benz schlafen nicht. Sie bauen Solarfabriken und machen genau das, was wir im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog auch gemacht haben. Sie akquirieren Flächen, übernehmen Planung und Arbeit – und machen schließlich das Geschäft. Diese Entwicklung wird besonders deutlich im neuen Bereich der Planung von Offshore-Windparks im Meer. Aber auch hier wollen wir uns ins Spiel bringen. Neun „Bürger-Windpark-erfahrene“ Nordfriesen, alle aus dem ländlichen Raum, planen einen großen Windpark in der Nordsee. Im Herbst 2000 wurde die „OSB Offshore-Bürger-Windpark Butendiek G. m. b. H.“ gegründet, um mit der Beteiligung von 20000 Bürgerinnen und Bürgern dieses Projekt nach einigen Jahren Vorbereitung zu realisieren. Geplante Investitionssumme: ca. 800 Millionen DM. Was sagen die Bedenkenträger? „Das schafft ihr nie!“ Genau das gleiche haben sie vor zehn Jahren auch über den Bürger-Windpark Lübke-Koog gesagt. Nicht durch Klagen ändern wir die Dinge, sondern durch Anpacken!
Vielerorts wird in den abgelegenen Lagen die wirtschaftlich schwache Situation beklagt. Aber wenn sich dann die Möglichkeit bietet, etwas zu verändern, dann fehlt es an Initiative und der Rückzug wird angetreten, scheinbar soll doch lieber „alles beim Alten bleiben“.

Gemeindeprofil:
- Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog: 86 Einwohner, 1349 Hektar, eingebunden 
  in das Amt Wiedingharde (insgesamt sechs Gemeinden)
- Wirtschaft: vorrangig Landwirtschaft, ein Gasthof, eine 
  Landmaschinenwerkstatt, ein Fuhrunternehmen
- 1990/91: Bau von 50 Windenergieanlagen (fremde Investoren)
- 1992–1999 : Bau von 32 Windenergieanlagen

Erkenntnisse für das Dorf, für Kommunalpoliker, Handwerker und Landwirte:
- Ja zu regenerativen Energien!
- Ja zu dezentraler Energieversorgung!
- Ja zu Eigeninitiative und eigener Arbeit!
- Ja zu eigenem Risiko und eigener Wertschöpfung!
- Ja zu damit verbundenen Veränderungen!

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