07.10.2009

Europäische Dorferneuerungskonferenz 2009

Die Europäische Dorferneuerungskonferenz 2009 in Bratislava befasste sich mit dem europaweiten Phänomen des wachsenden Zuzugs in Stadtumland-Gemeinden bei gleichzeitiger Abwanderung aus städtischen Zentren und peripheren ländlichen Räumen. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll forderte dabei mehr Flächenökonomie und den Mut, der hemmungslosen Zersiedelung klare Grenzen zu setzten, um den Verlust wertvoller Erholungsflächen und agrarischer Produktionsflächen zu stoppen. Die Vorsitzenden der Selbstverwaltungskreise Bratislava und Trnava, Vladimír Bajan und Tibor Mikuš, betonten, dass die Suche nach einer Balance der Lebensbedingungen in Stadt und Land eine große Herausforderung und ständige Begleiterin ihrer politischen Arbeit sei. Die KonferenzteilnehmerInnen sprachen sich resumierend dafür aus, dass es politisches Ziel sein müsse, eine Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in Stadt und Land anzustreben, nicht aber einer Gleichartigkeit das Wort zu reden.



Der Spiegelsaal des Primatialpalastes in Bratislava war Austragungsort der Europäischen Dorferneuerungskonferenz 2009, die Ende September des Jahres im Beisein von etwa 140 TeilnehmerInnen aus zehn Nationen ausgetragen wurde. Das Thema der Konferenz, an der neben zahlreichen anderen Ehrengästen auch der Landeshauptmann von Niederösterreich und Vorsitzende der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, Erwin Pröll, der Primator (Bürgermeister) der Hauptstadt Bratislava, Andrej Ďurkovský, sowie die Vorsitzenden der Selbstverwaltungskreise Bratislava und Trnava, Vladimír Bajan und Tibor Mikuš teilnahmen, lautete „(Kein) Land in Sicht. Ländliche Räume im Sog von Globalisierung und Suburbanisierung".

Mit der Slowakei und der boomenden Metropole Bratislava war für die Konferenz ein Austragungsort gewählt worden, an dem die vorherrschenden Raumentwicklungstendenzen der jüngeren Vergangenheit und sicher auch noch der nächsten Zukunft deutlich sichtbar werden: Abwanderung aus den städtischen Zentren und aus den peripheren ländlichen Regionen in das Umland der Ballungsräume und damit Entstehung von immer größeren Vor- bzw. Zwischenstädten, vielfach als suburbane Räume bezeichnet.


Suburbanisierung – eine ungebremste, aber problematische Entwicklung

ReferentInnen und TagungsteilnehmerInnen waren sich uneinig darüber, ob dieser Entwicklung Einhalt geboten werden sollte, geschweige denn könnte. Viel Platz, billiger Grund, relative Nähe zu Stadt und Land – das seinen Kennzeichen des städtischen Unlandes, die vielfach als große Qualitäten empfunden würden und dementsprechend attraktiv wirkten. Weitaus größere Übereinstimmung herrschte bei der Beurteilung der Gefahren und Herausforderungen der Suburbanisierung:
- Zersiedelung und hemmungsloser Landverbrauch
- Verlust von Landschaft und Erholungsraum
- Zunahme des motorisierten Individualverkehrs
- Veränderung der Sozialstruktur
- Identifikationsprobleme

Um diesen zu begegnen, seien allen voran Raumordnung und Regionalplanung gefordert. Mehr Flächenökonomie, Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs – nicht nur Richtung Zentrum, Sicherung von Freiflächen und Erholungsräumen, Schaffung und Vernetzung suburbaner Kleinzentren – das waren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Empfehlungen der ExpertInnen zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität in stadtnahen Räumen insgesamt und im Stadtumland von Bratislava im besonderen.


Aktive „Sterbehilfe“ für entlegene Dörfer?

Während ein Teil der ländlichen Regionen mit Zuzug und Verstädterung konfrontiert ist, leiden zahlreiche andere, insbesonders periphere Räume unter Abwanderung, Überalterung und wirtschaftlicher Aushöhlung. Ihnen widmeten sich die Statements und Diskussionen des zweiten Konferenztages. Dabei wurde zwar auch laut darüber nachgedacht, ob es nicht in Einzelfällen sinnvoll sein könnte, aktive „Sterbehilfe“ zu leisten, überwiegend war man allerdings der Ansicht, dass es sich die Gesellschaft schon etwas kosten lassen müsse, um zu verhindern, dass ganze Landstriche entvölkert werden und damit wertvolle Kulturlandschaften, Lebens-, Erholungs- und Ausgleichsräume sowie auf krisenresistenter Kleinteiligkeit beruhende Wirtschaftsstandorte verloren gehen.



Mit Patentrezepten zur Sicherung der ländlichen Räume als eigenständige Lebens- und Wirtschaftsräume wusste niemand aufzuwarten, wohl aber mit generellen Leitgedanken wie Hebung der Wertschöpfung in der Land- und Forstwirtschaft, branchenübergreifende Kooperationen und Realisierung öffentlicher Anliegen mit ökologischen, sozialen und kulturellen Aspekten, jeweils unter Einbindung in und Abstimmung mit kommunalen, aber auch regionalen Gesamtkonzepten. Auch einem verstärkten Coaching der lokalen Akteure auf dem oft hürdenreichen Weg von der Projektidee zur Projektumsetzung wurde das Wort geredet.
Keinen Zweifel ließen die KonferenzsprecherInnen daran, dass es nicht darum gehen könne, Stadt und Land gegeneinander auszuspielen oder einander anzugleichen. Nicht gleichartige, sondern gleichwertige Lebensbedingungen sowie eine Balance, die eine hohe Lebensqualität sowohl in der Stadt als auch am Land gewährleistet, müssten angestrebt werden. Denn es dürfe nicht vergessen werden, dass Stadt und Land kommunizierende Gefäße und die gegenseitigen Abhängigkeiten enorm seien.


Die Europäische Dorferneuerungskonferenz 2009 wurde von der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung in Kooperation mit dem Land Niederösterreich, Abteilung Raumordnung und Regionalpolitik, den Selbstverwaltungskreisen Bratislava und Trnava sowie dem Magistrat von Bratislava und mit Unterstützung der Europäischen Union, Generaldirektion Bildung und Kultur, Programm „Europa für Bürgerinnen und Bürger“, durchgeführt. Inhaltliche und organisatorische Assistenz gewährten die Slowakische Umweltagentur und die Academia Nova Istropolitana.


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