11.08.2006

Mit Telematik Einkommen schaffen.

Übergänge in neue Entwicklungsstufen der Gesellschaft und Wirtschaft waren schon immer von Skepsis bis Ablehnung der betroffenen Menschen gekennzeichnet, da sie mit teilweise schmerzhaften Veränderungen und gänzlicher Aufgabe lieb gewonnener Gewohnheiten verbunden waren und sind. Das Festhalten an Bewährtem scheint uns Menschen immer wieder an unserer eigenen Entwicklung zu hindern; oft sind wir das Innovations-Hemmnis.

Im Baden-Württembergischen Sternenfels sah dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts genauso aus, als das kleine Sandbauerndorf einen Innovationsschub durch die Gründung eines Präzisionsmesswerkzeuge-Betriebes erhielt. Waren es bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend Steinhauer, Sandbauern oder Bauern, die körperlicher Schwerstarbeit mit unregelmäßigem Einkommen nachgingen, so entwickelten sich in dieser kleinen Fabrik völlig neue, für Sternenfels bislang unbekannte Berufsbilder.

Theodor Schweitzer, ein junger zielstrebiger Ingenieur, hatte sich hier niedergelassen und eine Existenz gegründet. Weder Strom noch fließendes Wasser waren bis dahin in die Ländlichen Räume vorgedrungen; Maschinen mussten mit Dieselmotoren betrieben und Wasser aus Brunnen gefördert werden. Doch plötzlich veränderte diese Betriebsgründung nicht nur das Leben der anfangs wenigen Sternenfelser Mitarbeiter, sondern auch die Entwicklung des kleinen Dorfes maßgeblich und nachhaltig – sie wirkt bis in die heutige Zeit hinein. Einen Vergleich zum Heute, an der Schwelle von der Industrie- zur Informations-, Kommunikations- und Wissensgesellschaft, heranzuziehen, drängt sich geradezu auf, da die Skepsis und Zurückhaltung vor Neuem auch bei dem in der heutigen Zeit stattfindenden Entwicklungsübergang zu spüren ist.

Doch wir haben gelernt und wir müssen aus der Vergangenheit noch mehr lernen – neue Medien bahnen sich lange schon den Weg zu den Menschen und beschleunigen den Wechsel ins neue Zeitalter. Die Bürgerinnen und Bürger von Sternenfels sind es gewohnt, in Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden zu sein und nutzen die Chance, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Weichenstellung für die Zukunft

Mit der Neugründung der Kommune aus den beiden Ortschaften Sternenfels und Diefenbach am 1. Januar 1974 und der Festlegung auf eine nachhaltige, ganzheitliche Dorfentwicklung wurden die entscheidenden Weichen für die Erhaltung und Sicherung des Dorfes als Lebens- und Wirtschaftsraum gestellt. Ein ideenreicher, visionär denkender Bürgermeister , konsequente Politik im Gemeinderat, der überparteiliche Konsens zum Wohle der Gemeinde und eine aufgeschlossene, aktive Bürgerschaft ermöglichten die Erarbeitung und Verabschiedung eines langfristigen örtlichen Entwicklungskonzeptes , das als Leitlinie für die künftigen Entscheidungen gilt.

Dieses Konzept enthält vielfältige Perspektiven und Aktionsfelder für die Zukunft, aktiviert jedoch auch bereits realisierte Projekte unter dem Themenbereich der lokalen Agenda 21. Die Sternenfelser Thesen für den Ländlichen Raum fassen Leitsätze zusammen und geben auch anderen Kommunen Anregungen für eine nachhaltige Entwicklung. Sternenfels nimmt dadurch in der Bundesrepublik eine herausragende Stellung im Bereich der Dorfentwicklung ein, was zahlreiche Auszeichnungen auf Landes-, Bundes- und Europaebene beweisen.

Die Einführung der Informations- und Kommunikationstechnologie aus dem Gesamtkonzept herauszulösen und als einseitige, ausschließlich technisch orientierte Entwicklung ohne gesellschaftlichen Bezug darzustellen würde in Sternenfels nicht den Kern treffen. Denn hier wurde gerade zusammen mit den Bürgern entschieden und die vielfältigsten Projekte mit bürgerschaftlicher Beteiligung auf den Weg gebracht.

Die Vision vom Dorf der Telearbeiter

Dass der Aspekt der Telekommunikation und Informationstechnik in der ganzheitlichen Dorfentwicklung eine wesentliche Rolle spielen würde, erkannte man in Sternenfels bereits im Jahre 1986, als man ein geplantes, siedlungsökologisch orientiertes Wohnbaugebiet als Modellprojekt verkabeln und an Netze bei zentralen Industriebetrieben und an Firmenkommunikationsnetze anfügen wollte. Die damaligen Bemühungen der Gemeinde, Partner für dieses Vorhaben zu finden, scheiterten nicht zuletzt an den immensen Kosten der Verkabelung, den monopolisierten Leitungsgebühren und den in den Haushalten noch nicht vorhandenen Endgeräten . Das Projekt hat sich in den vergangenen Jahren gewissermaßen selbst überflüssig gemacht, nachdem flächendeckend bei den Vermittlungsstellen der Telekom die digitale Vermittlungstechnik und somit ein Telefonieren auf ISDN-Basis eingeführt wurde und die Hardware-Preise stetig fallen. Die Digitalisierung der Technik und ihre Möglichkeiten bedeuten für den Ländlichen Raum den Eintritt in eine neue Ära, den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Denn erstmals können die durch die Entfernung zu urbanen Räumen bestehenden Standortnachteile des Ländlichen Raumes mit Hilfe von Telekommunikation aufgehoben werden. Telearbeit, Telekooperation und die Bildung virtueller Unternehmen bieten dem Ländlichen Raum viele, völlig neuen Entwicklungsperspektiven.

Gründergeist und Zukunftstechnologie

Wieder war es die Fabrik Schweitzer, die Innovation nach Sternenfels brachte und über den Weg der Betriebsschließung im Jahre 1994 sowie den Kauf des Firmenareals durch die Gemeinde 1995 den Beginn eines neuen Abschnitts in der ganzheitlichen Dorfentwicklung einleiten sollte. Die Globalisierung der Wirtschaft hatte auch Sternenfels nicht verschont und so musste nach stagnierender Produktnachfrage, verursacht durch ausländische Billigkonkurrenz, der Traditionsbetrieb seine Pforten schließen. Die anfängliche Schocksituation in der Gemeinde hatte man sofort in aktive Betriebsamkeit transformiert, um Lösungen für die nunmehr im Ortsmittelpunkt entstandene Gewerbebrache zu finden. Wieder war es Univ. Prof. Dr. Günther Schöfl und sein Büro , die das Sternenfelser Entwicklungskonzept um einen weiteren Mosaikstein ergänzten und eine Machbarkeitsstudie für das Areal Schweitzer fertigten. Dabei wurden neben den architektonischen Aspekten insbesondere städtebauliche und strukturelle Gesichtspunkte beleuchtet und unterschiedliche Entwicklungsszenarien dem Gemeinderat und der Bevölkerung zur weiteren Meinungsbildung vorgestellt. Dienstleistungs-Mittelpunkt, Gründerzentrum und Telestation sind nur einige der markanten Vorschläge aus der umfangreichen Studie.

In Bürgerversammlungen sprachen sich die Sternenfelser für den Erhalt und eine öffentliche Nutzung des Areals aus. Eine Befragung der Bürger sollte weitere Entwicklungsaspekte aufzeigen und gleichzeitig ein für Wirtschaft und Wissenschaft wichtiges Themengebiet aufnehmen.

In der bundesweit ersten Totalbefragung einer Bevölkerung zum Thema „Telearbeit – Technik und Dienstleistungen“ durch die Universität Tübingen konnte ein wissenschaftlich sehr interessantes Ergebnis erzielt werden. So verblüffte nicht nur der Rücklauf von 40,9 Prozent die Experten um Prof. Dr. Wilhelm Glaser, sondern auch so manches Einzelergebnis aus dem insgesamt 66 Fragen umfassenden Themenkomplex.

In Bürgerversammlungen, Vorträgen, Workshops, Sprechstunden und Einzelberatungen hatte man vorher die Bürger für die Themen sensibilisiert und konnte ein breites Interesse wecken. Um so mehr erfreut waren die Verantwortlichen, dass viele Bürger aus der Anonymität der Befragung heraustraten, um ihren Wunsch nach weiteren Gesprächen um den Themenbereich Telearbeit zu bekunden. Die Befragung war der Startschuss für eine neue Bewegung innerhalb der Dorfgemeinschaft, einer Bewegung, die sich zielorientiert dem Eintritt in das Zeitalter von Kommunikation, Information und Wissen aktiv stellt und ihn kreativ mitgestaltet.
Die Befragung hatte einen ganzen Katalog von Wünschen der Bürger für einen öffentlichen und privaten Dienstleistungsbereich in der „Fabrik Schweitzer“ hervorgebracht, die in die weitere Konzeption des Zentrums einfließen sollte.

Eine weitere Studie wurde von dem Karlsruher Unternehmensberatungsbüro Inno GmbH erstellt, die sich mit der Akzeptanz und der Einwerbung von Interessenten für ein Gründer- und Innovationszentrum in der Fabrik Schweitzer beschäftigte. Auch hierbei konnte wiederum festgestellt werden, dass sich der Standort für eine solche Einrichtung eignet und gute Voraussetzungen für eine dauerhafte Belegung gegeben sind.

Zur Festigung des Themas Telearbeit wurde ein Projekt erarbeitet, das sich insbesondere an Frauen im Ländlichen Raum richtet und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, insbesondere für die Zeit nach der Familienphase, erschließt. TELEPOLIS wurde als Projekt im Rahmen des europäischen Sozialfonds und der Programmreihe NOW entwickelt und genehmigt. Im Januar 1998 wurde mit einer ersten Kursreihe unter der Trägerschaft der Akademie Sternenfels gestartet. Dabei wurden zwölf arbeitslose Frauen in einem über 1.000 Stunden umfassenden Unterrichts- und Praxisprogramm ausgebildet, welches eine umfassende Qualifizierung zu den Themen EDV und Telearbeit sowie die gezielte Vorbereitung auf eine mögliche Existenzgründung als Alternative zur abhängigen Beschäftigung beinhaltete. Der intensive Kontakt zur regionalen Wirtschaft wurde in Form von Patenschaften für die Teilnehmerinnen gepflegt. Diese hatten zum Ziel, Unternehmen für das Thema Telearbeit zu gewinnen, eine praxisbezogene Ausbildung zu gewährleisten und eine Plattform für einen kontinuierlichen Dialog zu bilden. Inzwischen ist die Förderungsphase des Projektes abgelaufen und die Kurse laufen unter realen wirtschaftlichen Bedingungen sehr erfolgreich. Mit einer nahezu 100-prozentigen Eingliederungsquote gehört TELEPOLIS zu den erfolgreichsten Kursangeboten der Region. Bildungsträger aus dem Land interessieren sich bereits für die Übernahme des Konzeptes.

Das Gesamtbild der künftigen Nutzung der „Fabrik Schweitzer“ verfestigte sich in seinen Konturen und so gab schließlich das Land Baden-Württemberg mit der Aufnahme des Projektes in das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) den Startschuss für die Umnutzung des Areals. Außerdem wurde Sternenfels in die Zukunftsinitiative „Junge Generation“ der Landesregierung aufgenommen und bekam den Auftrag, ein Projekt für das Programm „Baden-Württemberg Medi@.Regio“ zu generieren, das auf den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien basieren und neben dem Gründer- und Innovationszentrum auch ein Tele-Service-Center sowie ein Dienstleistungszentrum für öffentliche, wirtschaftliche und private Dienste beinhalten sollte. So entstand das Konzept für das TeleGIS -Innovationszentrum in Form eines Geschäftsplanes.

TeleGIS – Partner und Gründung

Das Land Baden-Württemberg hat bei der Aufnahme des Projektes in die verschiedenen Förderprogramme klare Zielsetzungen formuliert. So sollen die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse für die strukturelle Stärkung Ländlicher Räume insgesamt nutzbar gemacht, neue Impulse für die Wirtschaft der Gemeinde und der Umgebung gegeben, günstige Rahmenbedingungen für Existenzgründer geschaffen sowie den Bürgern die Begegnung und die Nutzung modernster Kommunikationstechnik ermöglicht werden.

Dieser Forderungskatalog musste in die Gesamtkonzeption einer neu zu gründenden Betreibergesellschaft einfließen, nachdem die Gemeinde ihren Beitrag im Rahmen eines kommunalen Eigenbetriebes durch die Finanzierung des Um- und Neubaus sowie das Projektmanagement leistete. Eine Umfrage bei Baden-Württembergischen Gründer- und Technologiezentren ergab, dass überwiegend die Kommunen, Landkreise und Banken an den Gesellschaften beteiligt sind. Entsprechende Anfragen bei den betreffenden regionalen Institutionen ließen die Bereitschaft zur Mitwirkung erkennen und so konnte die Detailplanung beginnen.

Mit den Steuerexperten der künftigen Partner wurden die Voraussetzungen für die Gründung einer GmbH & Co KG geschaffen, an der sich die Gemeinde Sternenfels zu 60 Prozent, die Sparkasse Pforzheim zu 20 Prozent und der Enzkreis zu 20 Prozent beteiligten. Die Partner verpflichteten sich, zunächst das Unternehmen für einen Zeitraum von fünf Jahren zu betreiben. Ihrer Rolle als regionalem Wirtschaftsförderer kam die Sparkasse Pforzheim dadurch in besonderem Maße nach, dass sie sich zur 50-prozentigen Übernahme der in der Anfangsphase zu erwartenden Verluste des Unternehmens verpflichtete.

Die TeleGIS Innovationscenter GmbH & Co KG wurde am 27. Februar 1998 in Sternenfels gegründet. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich auch zum Geschäftsführer bestellt.

Der TeleGIS Geschäftsplan

Wie für jeden Existenzgründungsbetrieb obligatorisch, wurde auch für TeleGIS ein Geschäftsplan erarbeitet, der die einzelnen Geschäftsbereiche, Einzelprodukte, deren Finanzierung und zu erwartende Entwicklung, die Marketingstrategie und einen Ablaufplan für die zeitliche Umsetzung enthält. TeleGIS gliedert sich demnach in die drei aufeinander abgestimmten und aufbauenden Geschäftsbereiche Gründer- und Innovationszentrum, Tele-Service-Center und KOMM-IN.

Das Gründer- und Innovationszentrum ist die Anlaufstelle für alle Personen, die sich für eine Existenzgründung interessieren. Es bietet geeignete Räumlichkeiten, die technische Infrastruktur, generiert Serviceleistungen und schafft eine Plattform für die Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft. Gründer sollen hier Begleitung und Beratung in der Gründungsphase und in den ersten Jahren erhalten. Hier werden Kontakte zu Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung hergestellt – ein Lotse steht für den Aufbau eines lokalen Netzwerkes für Technologietransfer, Innovations- und Synergiemanagement zur Verfügung. Der Kontakt zur Wirtschaft wird durch die im Zentrum regelmäßig stattfindenden Unternehmergespräche und Besuche von Unternehmergruppierungen angeregt und gefördert. Das gemeinschaftliche Auftreten bei Messen, Ausstellungen und sonstigen Veranstaltungen der Region ist eines der Präsentationsinstrumente im Zentrum. Gemeinsame Produkt- und Dienstleistungsentwicklungen und deren Vermarktung schaffen neue Ebenen der Zusammenarbeit. So wird der Bereich der neuen Arbeits- und Organisationsformen (Telearbeit) in einer Kooperation mehrerer im Zentrum angesiedelter Unternehmen zusammen mit TeleGIS vermarktet werden. Als Weiterentwicklung und Ergänzung des dabei entstehenden regionalen Netzwerkes wurde ein landesweites Netz im Rahmen des Projektes „Baden-Württemberg Medi@.Regio Nr.13“ zwischen den Gründer- und Innovationszentren im Ländlichen Raum sowie Wirtschaftsinstitutionen, Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Universitäten unter dem Namen TZ-Profinet aufgebaut.

Im Geschäftsbereich des Gründerzentrums entstehen Aufwendungen, für die es üblicherweise keinen Ersatz gibt. Um das Unternehmen langfristig wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, müssen diese Aufwendungen durch Mehrwert aus den folgenden Bereichen gedeckt werden: Das Tele-Service-Center gehört zu dem Gemeinschaftsprojekt „Baden-Württemberg Medi@.Regio Nr. 12“ und richtet seine Produktpalette nicht nur auf Existenzgründer aus, sondern bietet der regionalen Wirtschaft vielfältige Leistungen, die der TeleGIS mittelfristig einen Mehrwert erbringen müssen. Die Nutzung des Telefons als kundenfreundliches Marketing- und Serviceinstrument ist bei kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht weit verbreitet. Hierbei werden Tele-Marketing-Leistungen, die Übernahme sowie kompetente Besetzung des Telefondienstes und die flexible und schnelle Erledigung von Sekretariatsleistungen in verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen EDV Systemen angeboten. Es entsteht ein virtuelles Büro- und Dienstleistungszentrum, in dem die Unternehmen schnell und flexibel eine breite Palette an Leistungen erhalten. Dabei bedient sich TeleGIS der modernsten Kommunikationstechnik und bindet Telearbeiter in die Erledigung dieser Aufgaben ein. Die Teleagentur verfügt über ein Leistungsverzeichnis mit den Daten sämtlicher angeschlossener selbstständiger Telearbeiter und vermarktet diese Leistungen in der Region. Unternehmen, die sich selbst für neue Arbeitsorganisationsformen interessieren, können sich im Kompetenz-Center von Experten beraten und Konzeptionen erstellen lassen. Bei der Beratung werden die interne betriebliche Organisation und die EDV-Konzeption analysiert. Es wird dann aufgezeigt, an welchen Stellen sich Telearbeit betriebswirtschaftlich sinnvoll einsetzen lässt und welche Veränderungen hierzu erforderlich sind. Nicht zuletzt wird auch die Einbindung von Leistungen aus dem vorhandenen Angebot von TeleGIS geprüft.

Lebenslanges Lernen anstreben

Ein wichtiger Produktbereich für die regionale Wirtschaft und Bürgerschaft ist das Aus- und Fortbildungszentrum, die Akademie Sternenfels. Gerade in diesem Bereich wird für die Zukunft erheblicher Bedarf gesehen, da Lebenslanges Lernen (LLL) die Wissensgesellschaft bestimmen wird.

Die Ausbildungsinhalte gliedern sich in zwei Hauptgruppen: Information, Kommunikation sowie ganzheitliche Dorfentwicklung. Die erste Gruppe beinhaltet die Aus- und Fortbildung, Zertifizierung und Qualifizierung von Mitarbeitern, Führungskräften, Selbstständigen, Existenzgründern und Bürgern in den Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnologie, Telearbeit, Telekooperation, Internet, virtuelle Unternehmen und Telelearning. Dazu gehören auch Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Personen ins Berufsleben und EU-Projekte.

Die zweite Gruppe befasst sich mit den vielfältigsten Themen der Dorfentwicklung: kommunale Entwicklungsplanung, lokale Agenda 21, Dorf am Netz, ökologischer Wohnungs- und Siedlungsbau, Workshop Dorf 2000. Sie richtet sich an Kommunalpolitiker, Planer, Mandatsträger, Bürgerinnen und Bürger, Schüler und Studenten, sowie an alle Verantwortlichen für den Ländlichen Raum.

Die Akademie besteht aus drei multifunktional eingerichteten Schulungsräumen im Neubau der „Fabrik Schweitzer“ und bietet Platz für die unterschiedlichsten Veranstaltungsbedürfnisse. Ein modern ausgestatteter PC-Schulungsraum mit pädagogischem Netz und Multimedia-PCs ermöglicht auch die Ausbildung von Operatoren für Tele-Service-Center. Ein kleinerer Schulungsraum, auch für Videokonferenzen ausgestattet, und ein großer Seminarraum runden das Raumangebot ab.

Der technischen Infrastruktur im Zentrum kommt in Hinblick auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten eine wichtige Bedeutung zu. So ist das gesamte Gebäude strukturiert verkabelt und ermöglicht so den Nutzern den Anschluss an eine moderne ISDN-Telefonanlage, an einen zentralen Netzwerkserver, an einen Internet-Server mit Einwählknoten zum World Wide Web und weiteren damit zusammenhängenden Diensten.

Die Gründerwelle rollt

Inzwischen sind im Gründerzentrum 15 verschiedene Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen angesiedelt, die zusammen mehr als 40 Mitarbeiter beschäftigen. Dabei ist das Anforderungsprofil, Hochschulabsolventen auch für den Ländlichen Raum zu begeistern, vollauf gelungen. Informatiker, Ingenieure, Techniker, Betriebswirte unterschiedlichster Fachrichtungen haben hier ihr Unternehmen gegründet. Dabei ist die Nähe zu anderen Gründern, der Meinungs- und Gedankenaustausch und die positiven Synergieeffekte besonders wichtig.

TeleGIS selbst beschäftigt heute zirka 35 Mitarbeiter, davon viele Frauen in Teilzeit. Die Akademie beschäftigt sich nicht nur mit Schulungen und Bildungsangeboten, sondern steht auch anderen Regionen und Kommunen als Beratungspartner für eine praxisorientierte Begleitung in verschiedenen Projekten zur Verfügung.

Die neuen lnformationstechnologien verändern nicht nur die Arbeitswelt in der freien Wirtschaft, sondern sie werden sich auch nachhaltig auf die Strukturen der öffentlichen Verwaltung in Bund, Ländern und Gemeinden auswirken. Dabei können Verwaltungshandlungen und Dienstleistungen automatisiert und in neue technische Strukturen integriert werden. In der Konsequenz ergibt sich eine umfassende Verwaltungsreform, die alle Verwaltungsebenen grundlegend verändern und dem Ländlichen Raum die Übernahme von in den Raumplanungen bisher nicht vorgesehenen Funktionen ermöglichen wird. Mit den Vorschriften für die elektronische Unterschrift hat der Gesetzgeber bereits 1997 den Weg in das digitale Verwaltungszeitalter freigemacht – ein Durchbruch in der Umsetzung ist noch nicht in Sicht.

Die Abwanderung von Dienstleistern aus dem Ländlichen Raum zu stoppen und neue Lösungen für die Kooperation von Verwaltung und Wirtschaft zu entwickeln waren Anforderungen der Bevölkerung von Sternenfels aus der Totalbefragung der Universität Tübingen. Aus diesen Vorgaben entstand das Konzept KOMM-IN als ein Informations-, Kommunikations- und Dienstleistungsmittelpunkt, ein Marktplatz der Zukunft, der virtuelle und persönliche Begegnungen zulässt. Kompetenz aus den Zentren wird erstmals virtuell in den Ländlichen Raum transferiert, um den Bürgern Fahrten und Zeit bei Behördengängen und sonstige Erledigungen zu ersparen und Dienste erstmals hier überhaupt zu ermöglichen.

Um eine Kostendeckung zu erreichen, wurde eine Vielzahl unterschiedlicher privater, wirtschaftlicher, sozialer und kommunaler Dienstleistungen räumlich und personell zusammengefasst. Staatliche Leistungen vereinen sich dezentral in diesem neu entstehenden Dienstleistungspool und werden durch einen Verwaltungs-Lotsen vor Ort personifiziert.

Der Freiraum für den persönlichen Kundenkontakt und für die Beratung und Unterstützung auf allen Verwaltungsebenen ist ein wesentliches Element des KOMM-IN. Das nach DIN EN ISO9001 zertifizierte Konzept wurde durch eine Expertengruppe aus Planern, Marketing, Vertrieb und Verwaltung zu einem vertriebsfähigen Produkt weiterentwickelt, das bundesweit vermarktet wird und für großes Interesse sorgt. Das Konzept begeistert neben vielen Bürgermeistern insbesondere auch Banken und Sparkassen, die sich mit der Zukunft kleinerer Filialen auseinandersetzen.

„Dorf 2000“ – Sternenfels als weltweites EXPO 2000 Projekt

Mit der Anerkennung zum weltweiten Projekt der EXPO 2000 in Hannover unter den Themenbereichen Telearbeit und Tele-Service-Center bekamen die genannten Projekte zusätzlich auch noch eine globale Dimension. Das als Bund-Länder-Gemeinschaftsprojekt laufende Thema „Dorf 2000“ umfasst zwölf Dörfer in Deutschland, die sich jeweils mit einem Kernthema, sowohl in Hannover im Rahmen einer gemeinschaftlichen Präsentation, als auch in den Dörfern selbst darstellen. Hierbei wurde auch für Sternenfels ein örtliches Präsentationskonzept erstellt, das unter Nutzung der neu geschaffenen Infrastruktureinrichtungen, eine Vielzahl von überregionalen Veranstaltungen, Workshops und Seminaren zu verschiedenen Themen vorsieht. „Dorf 2000“ zeigt unterschiedliche Lösungsansätze und Szenarien auf und zeichnet, als Ganzes betrachtet, die Vision vom Dorf der Zukunft.

Das Dorf mit Zukunft: Sternenfels

Das Verständnis der Informations- und Kommunikationstechnologie darf sich nicht nur auf ökonomische Aspekte beschränken, sondern muss alle gesellschaftlichen Bereiche, v. a. kulturelle und bildungspolitische Themen, umfassen. Die Technologien sind nach den Bedürfnissen der Menschen zu entwickeln, einzusetzen und als Hilfsmittel zur Befriedigung von Bedürfnissen sowie zur Verbesserung unserer Lebens- und Produktionsgrundlagen anzusehen. Daher ist ein stetiger Dialog zwischen Bürgern, Verwaltung, Vereinen und Organisationen sowie mit den Projektträgern erforderlich, der eine lebendige Nutzung der Technik zum Wohle der Dorfgemeinschaft fördert. So konnten bereits verschiedene Projekte im Rahmen dieses Dialoges verwirklicht werden.

Die Grundschule wurde beispielsweise mit Unterstützung der örtlichen Unternehmen komplett mit PCs ausgestattet und im Rahmen des Landesprojektes „Schulen ans Netz“ ein Onlinezugang ins Internet für Schüler und Lehrer geschaffen. Die Lehrer besuchten Computerkurse im Ort und ließen sich über das Thema Internet informieren.

Im KOMM-IN wurde ein Internetterminal für Jedermann aufgestellt, an dem man dem neuen Medium Internet zwanglos begegnen kann. Dieser kostenlose Service der Gemeinde hat viele neugierig gemacht und war für den Einstieg in die neue Technologie ein wertvolles Hilfsmittel.

Die Internet-Site der Gemeinde wird von dem „Virtuellen Internet Arbeitskreis Sternenfels“ (VIAS) gepflegt und mit neuen Ideen versorgt. Die Internet-Werkstatt erarbeitet mit den Bürgern den Internetauftritt und weckt das Interesse an diesem neuen Kommunikationsmedium. Kurse und Workshops zum Thema Internet sind bei der Akademie Sternenfels ständig auf dem Programm und sprechen alle Bevölkerungsgruppierungen an.

Es ist eine zentrale Aufgabe aller für den Ländlichen Raum Verantwortlichen, die Dörfer als lebendige Lebens- und Wirtschaftsräume langfristig zu sichern und zu erhalten. Die Informations- und Kommunikationstechnologie stellt dafür nur einen Teilaspekt dar. In Sternenfels haben Bürgerinnen und Bürger, Bürgermeister, Gemeinderat und Verwaltung die Weichen gemeinschaftlich in Richtung Zukunft gestellt. Diesen Weg im Konsens, kreativ und verantwortlich weiterzuentwickeln wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein.

Michael Gutjahr, Geschäftsführer der TeleGIS Innovationscenter GmbH & Co KG, Sternenfels, Baden-Württemberg, Deutschland

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