11.08.2006

Europäische Dorferneuerungsexkursion 2001

Die 8. Dorferneuerungsexkursion der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung führte zu beeindruckenden Projekten nachhaltiger ländlicher Entwicklung in Tschechien, Sachsen, Thüringen und Bayern. Erstmals waren dabei auch TeilnehmerInnen aus Estland, Lettland, Finnland und Bulgarien vertreten.

Rund 30 Spezialisten und Aktivisten aus dem ost- und südosteuropäischen Raum begaben sich vom 16. bis 19. Mai 2001 auf Einladung der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung auf eine Studienfahrt durch Tschechien, Sachsen, Thüringen und Bayern, um besonders herausragende Projekte nachhaltiger ländlicher Entwicklung zu besichtigen. Ziel dieser Exkursion, die die Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung seit den frühen 90er Jahren heuer bereits zum 8. Mal durchgeführt hat, ist es, das gute Beispiel als Orientierungshilfe in die „Auslage“ zu stellen und den Erfahrungsaustausch zwischen Dorferneuerern in Ost und West und Süd und Nord zu intensivieren.

Die Dorferneuerungsstudienfahrt 2001 war ein Spiegelbild der reichen Vielfalt und der hohen Qualität der Landentwicklungsmaßnahmen in Europa: Der Bogen spannte sich von ökologisch orientierten und ökonomisch effizienten Projekten über kulturell gewichtete Aktivitäten bis hin zu speziellen Frauenbeschäftigungsprogrammen. Allen Exkursionszielen war aber eines gemeinsam: Sie basieren auf kommunalen Eigeninitiativen und bürgerschaftlichem Engagement im Sinne einer auf Zukunftsfähigkeit und Ganzheitlichkeit ausgerichteten Entwicklung.

Exkursionsziele
Tschechische Republik

Tschechische Republik: Prag war Ausgangspunkt der Exkursion, die ihre erste Station in Vilémov, einem Dorf in Nordböhmen, fand: Dort setzt man vor allem auf eine Verbesserung der Infrastruktur und damit auf eine Erhöhung der Lebensqualität, auf eine Steigerung der Wirtschaftskraft und nicht zuletzt auch auf ein Mehr an Umweltgerechtigkeit, was sich beispielsweise in der Substituierung eines Kohleofens durch eine Wärmepumpe zur Heizung des Schulgebäudes manifestiert. Das zweite tschechische Exkursionsziel, die 18.000 Einwohner zählenden Stadt Kadan, überzeugte nicht nur mit seinem erneuerten historischen Stadtkern und umfassenden denkmalschützerischen Aktivitäten, sondern auch durch Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz, zur Schaffung von Wohnraum und zur Wiederbelebung kultureller Traditionen, die zum Teil bis in die Keltenzeit zurück reichen.

Sachsen
Sachsen: Friedlich eingebettet zwischen Wiesen und Weiden mitten in der Mittelgebirgslandschaft des Erzgebirges – so präsentierte sich das 725 Jahre alte Waldhufendorf Mildenau, das auch Sitz der Gemeinde Mildenau ist, den ExkursionsteilnehmerInnen. Die Qualität der gezeigten Projekte stand dem landschaftlichen Reiz allerdings nicht nach: So werden in einer umgenutzten Stallanlage Kräuter der Region aus biologischem Anbau zu Pflanzenpresssäften verarbeitet und vermarktet. Eine Initiative, die zehn, überwiegend von Frauen besetzte Arbeitsplätze geschaffen hat. Ebenfalls sehr Frauen orientiert wurde die Umnutzung eines ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesens zu einem Frauenförder- und Kommunikationszentrum mit Töpferei, Schulungsräumen, Mütter- und Familienzentrum, Küche sowie einer Gästetage vorgenommen. Umnutzung ist jenes Wort, das auch bei der Schaffung eines kommunalen Dienstleistungszentrums, das der Gemeinde, Unternehmern und Vereinen zur Verfügung steht, eine große Rolle gespielt hat, ist es doch in den dem Verfall preisgegebenen ehemaligen Produktionsgebäuden einer Fabrik entstanden. Die Errichtung einer Kläranlage und das Leader II-Projekt „Leitfaden e. V. Arnsfeld“, eine von Frauen initiierte und getragene Einrichtung, die den Umgang mit Schafwolle praktiziert und lehrt, sind nur einige Beispiele dafür, von wieviel Kreativität und Zukunftsorientierung die ländliche Entwicklung in Mildenau getragen ist.

Das knapp 160 Einwohner zählende Schlagwitz/Franken, die zweite Station in Sachsen, ist ein Ortsteil der Stadt Waldenburg und liegt in der Aue der Zwickauer Mulde. Auffallend ist die hohe Sensibilität für Tradition und das ausgeprägte Bedürfnis, das Herkömmliche für die nachfolgenden Generationen nicht nur zu bewahren, sondern erlebbar zu gestalten. Davon zeugen unter vielem anderen der Umbau des einstigen Feuerwehrhauses zu einem Dorfbackofen mit starker kommunikativer Note und ganz besonders die Restaurierung und Umnutzung des ältesten sächsischen Bauernhauses zu einem Bauern- und Denkmalhof als ständige Ausbildungsstätte für das dörfliche Handwerk und als Produktvermarktungsstätte. Die Hauptattraktion in Schlagwitz/Franken ist aber wahrscheinlich seine Kirche, ein architektonisches Prunkstück aus dem frühen 19. Jahrhundert, die schon vor Jahrzehnten ihrer religiösen Funktion enthoben wurde und sich noch vor wenigen Jahren in traurigem sanierungbedürftigem Zustand befunden hat. Heute erstrahlt sie wieder in voller Pracht, überrascht in ihrem Inneren mit modernster, funktionaler Architektur und dient als kommunale Innovationswerkstatt.

Thüringen

Thüringen: Die Gemeinde Posterstein, nächster Zielpunkt der Dorferneuerungs-Studienfahrt, liegt zwischen Altenburg und Gera und hat sich das Ziel gesetzt, sich zu einer besonders kinder- und familienfreundliche Gemeinde mit hoher Wohnqualität zu entwickeln. Die Realität ist diesem Entwicklungsziel schon sehr nahe gekommen, was sich allein schon in der Bevölkerungsentwicklung dokumentiert: In den letzten Jahren ist die Einwohnerzahl von 350 auf 500 angewachsen. Vieles hat dazu beigetragen, etwa die Erhaltung des Kindergartens und die Errichtung von Spielplatz, Volleyballplatz und Freiräumen für Streethockey. Besonders erwähnenswert sind auch die erfolgreichen Bemühungen, alte, leerstehende Häuser und Höfe zu revitalisieren und gleichzeitig von seiten der Gemeinde günstiges Bauland für Neubauten zur Verfügung zu stellen, wie überhaupt auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Altem und Neuem, zwischen Bewahren und Kreieren sehr viel Wert gelegt wird. Bebauungspläne sorgen dafür, dass dem Ortstypischen der Vorzug gegeben wird und dass das Ästhtetische nicht zu kurz kommt. Die Förderung des regen Vereinslebens, Maßnahmen in Richtung Ausbau von Posterstein zu einem Naherholungsgebiet, Bemühungen um eine Stärkung der Wirtschaftskraft und eine Aktivitätenvielfalt im Bereich Umwelt- und Naturschutz sind weitere Schwerpunkte der Dorfentwicklungsmaßnahmen, die von einer höchst motivierten Dorfgemeinschaft getragen werden.

Bayern

Bayern: Großes Interesse bei den TeilnehmerInnen an der Studienfahrt weckte auch Altershausen, ein Ortsteil der Stadt Königsberg, der 280 Einwohner zählt, eine starke ländliche Prägung aufweist und von dem mit Fug und Recht behauptet werden kann, dass eine couragierte und engagierte Dorfgemeinschaft einen beispielhaften Dorferneuerungsprozess mit zukunftweisenden Projekten auf den Weg gebracht hat. Ausgangspunkt der Erneuerungsmaßnahmen war die Verwirklichung einer Biomasseheizanlage, gefolgt sind die Neuansiedlung eines Gewerbebetriebes sowie zahlreiche Maßnahmen zur Energieeinsparung, zur dezentralen Entsorgung durch eine Schilfkläranlage sowie zum Bauen nach ökologischen Kriterien. Unter dem Motto „Ökologische Dorfgemeinschaft – gemeinschaftliche Ökologie“ wurde eine Vielzahl an qualitätsvollen Aktivitäten gesetzt, die von der Bereitschaft nach dem Gemeinsamen, etwa zwischen Ökonomie und Ökologie, zu suchen, von einer nachahmenswerten Kooperationsgesinnung, etwa zwischen Bürgern und Behörde, sowie von einer ausgeprägten örtlichen Kooperation und Partizipation Zeugnis ablegen.

Vor der Rückreise nach Prag führte die Exkursion schließlich noch zu einem kurzen „Abstecher“ nach Iphofen, wo sich ein Großteil der bayerischen Dorferneuerungsszene bei Seminaren, Exkursionen, Informationsständen und vielen kulturellen Darbietungen im Rahmen der „Bayerischen Tage der Dorfkultur“ ein Stelldichein gab.

Vom Vorsatz zur Tat

Der große Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat sicher recht, wenn er meint: „Gesagt ist nicht gehört. Gehört ist nicht verstanden. Verstanden ist nicht akzeptiert. Akzeptiert ist nicht überzeugt. Überzeugt ist nicht getan.“ Aber gerade die im Rahmen der 8. Dorferneuerungsexkursion der Europäischen ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung gezeigten Projekte haben auf eindrucksvolle Art und Weise bewiesen, dass es immer mehr werden, die den großen Schritt vom Vorsatz zur Tat wagen und auch schaffen. Ein Umstand, der uns allen, nicht zuletzt auch den ExkursionsteilnehmerInnen – aus Polen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und erstmals auch aus Estland, Lettland, Finnland und Bulgarien – Mut machen und Kraft geben sollte.

Theres Friewald-Hofbauer, Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, Wien

Bildmaterial siehe unter Fotogalerie Dorferneuerungsexkursion

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